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„Low“ von Boris Pofalla

Boris Pofalla

Letztens hat er mit Björk telefoniert, für ein Interview. Dabei war er eigentlich im Urlaub in Marokko, in der Hafenstadt Essaouira. Er liebt die Kunst, Musik und das Reisen: Boris Pofalla, Jahrgang 1983, Journalist und jetzt auch Romanautor. Sein Debüt „Low“ spielt in Berlin und ist doch eine Reise. Die Figuren nehmen so viele Drogen, dass sie dauerhigh sein müssten. An David Bowies Album „Low“ habe er beim Titel gedacht, sagt Boris Pofalla, als wir uns im Cafй am Neuen See treffen, dicht bei den Paddelbooten, an einem Tag, an dem der Frühling erwacht. Sonst joggt er hier, jeden zweiten Tag eine Stunde eine Riesenrunde im Tiergarten. Er mag, wie das Wort klanglich fällt: low. Und da sind all die Orte um Berlin herum, die auf „ow“ enden. Auch dorthin führt das Buch.
Angefangen mit dem Stoff hat Pofalla, kurz nachdem er 2003 nach Berlin gezogen ist: „Ich hab die Zeit als sehr hedonistisch und sehr düster in Erinnerung. Selbst die elektronische Musik war ein bisschen gothic“, sagt er. Es habe gedauert, aus den kleinen Episoden etwas zu formen, das als Roman trägt, „weil es keine Handlung gibt wie bei einem Krimi: Da liegt die Leiche, jetzt wird ermittelt.“ Aber tatsächlich verschwindet jemand spurlos: der beste Freund des Erzählers, mit dem er symbiotisch verwachsen war. Selbst ihre Träume hatten sich wechselseitig beeinflusst. „Davor fürchtet man sich immer: wenn die Träume zur Realität werden„, sagt Pofalla. Der Erzähler begibt sich an die Orte, an denen sie gemeinsam waren. Irgendwann geht ein BMW im Feld in Flammen auf. Die Vergangenheit und Konstellation der beiden muss sich der Leser erschließen: „Ich wollte, dass es sich langsam wie ein Fotonegativ entwickelt, wie ein Abzug, den du ins Entwicklerbad legst.“ Pofalla ist kein Fan von Erzählungen, die einen zu fest an die Hand nehmen.
„Letzten Endes sind wir alle Romanfiguren“, sagt Pofalla. „Wir erzählen uns Geschichten darüber, warum wir so sind, wie wir sind.“ Er kommt aus dem Ber­gischen Land, eine halbe Stunde vor Köln. Kunstgeschichte und Vergleichende Literaturwissenschaft hat er an der FU studiert, schreibt inzwischen für „Monopol“ und für die „FAS“. Viel über Kunst. Die scheint auch im Roman als Lösung aus der Leere auf. „Aber er ist keine  Art Groupie“, sagt Pofalla. „Kunst ist für den Erzähler eine Schärfung der Sinne.“ Im echten Leben hat der Boheme-Exzess andere umgebracht: „Ich kannte damals viele Leute, die heute nicht mehr leben“, sagt Pofalla. Er selbst wohnt dicht am Dorotheenstädtischen Friedhof, wo die ganz Großen begraben liegen: Bert Brecht, Anna Seghers, Heinrich Mann.
Gegen neun oder zehn wacht Pofalla morgens auf, liest eine Stunde am Smartphone Zeitung, macht sich Kaffee, liest weiter am Schreibtisch. Mittags zieht er ins französische Bistro MarcAnn’s, dann in die Oslo Kaffebar. Er hat schon gesammelt für den nächsten Roman: 200 Seiten Details. Diesmal soll es kein Jahrzehnt dauern. „Du musst aber erst den Ton finden, sonst kannst du nicht anfangen.“ In Notizbücher schreibt er und am Rechner. Klarer Vorteil dort: Er kann das Word-Dokument bequem durchsuchen. In den Büchern verliert er leicht den Überblick. Oft schreibt er Notizen ins Telefon, iPhone-Notes.
Gerade liest er amerikanische Literatur über Kommunen in den Sechzigern und Siebzigern. Kaum Belletristik. Gerne würde Pofalla das nächste Buch woanders schreiben als in Berlin, „ein paar Monate Schreibferien machen“. Davon träumt er, denn es spielt „am Ende der Welt“.

Text:
Stefan Hochgesand

Foto:
Joseph Wolfgang Ohlert

Low von Boris Pofalla, 222 S., 20 Euro

Lesung: Uslar & Rai, Schönhauser Allee 43, Prenzlauer Berg, Do 28.5., 19.30  Uhr, Eintritt 7 Euro

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