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Lucy Fricke: „Ich habe Freunde mitgebracht“

Dietmar-Plewka-UllsteinJon ist Schauspieler, spezialisiert auf Leichenrollen. Henning zeichnet Comics. Seine Freundin Martha spricht im Radio die Nachrichten. Betty arbeitet als Script-Girl bei Filmproduktionen. Vier miteinander befreundete Mittdreißiger, die um sich selbst kreisen, noch immer auf die große Chance warten oder sich an ihre Träume klammern wie an einen morschen Ast, der weit über einen Abgrund ragt. Die Zeit hat Kerben auf der Seele hinterlassen, doch mit Alkohol und probaten Ritualen lässt sich das Leben einigermaßen ertragen. Anderen geht es ja nicht besser. Doch dann wird Martha schwanger. Für Hennings Cyberspace-Superhelden-Comic, an dem er seit zehn Jahren arbeitet, interessiert sich ein Verlag. Bertha rastet am Set aus. Und Jon kriegt – völlig unerwartet – die Rolle seines Lebens: Er soll einen Pfeife rauchenden Großschriftsteller mit Waffen-SS-Vergangenheit verkörpern.

Nach „Durst ist schlimmer als Heimweh“, in dem eine 16-Jährige versucht, ihre miese, von Missbrauch und Alkohol geprägte Kindheit hinter sich zu lassen, folgt nun gewissermaßen das leichte Sommerstück auf Lucy Frickes hartes Debüt. Denn obwohl ihre Figuren bald vor den Trümmern ihrer Träume stehen und mit verschrammter Seele ins Taumeln geraten, hat man doch keine Angst, dass sie allzu tief fallen werden. Dafür sorgt auch der Sinn für Absurditäten, den sich ihre Protagonisten bewahren, und eine pointierte Lakonie, mit der sie von Lucy Fricke beschrieben werden. Und wenn zwei Männer von zwei flüchtenden Frauen mit dem Auto angefahren werden und schließlich stöhnend und verwundet auf der Rückbank landen, kommt auch noch ein wenig Slapstick ins Spiel.

Lucy Fricke ist so alt wie ihre Figuren und hat lange als Script /Continuity gearbeitet – was das ist, erfährt man ebenfalls im Roman –, bevor sie am Deutsche Literaturinstitut studierte und 2005 den Open-Mike-Wettbewerb gewann. Ihr Stil ist filmisch: knappe Dialoge, schnelle Szenenwechsel. Das Tempo, die Genauigkeit der Milieuschilderungen und ihr humorvoller, Seichtigkeiten jedoch geschickt vermeidender Stil machen ihre Geschichte zu einer sympathischen Tragikomödie, die man jedoch lieber lesen sollte, anstatt auf die gewiss nicht annähernd so gute Verfilmung (naheliegender Gedanke) zu warten.     

Text: Ralph Gerstenberg

tip-Bewertung: Lesenswert

Foto: Dietmar Plewka/Ullstein

Lucy Fricke: „Ich habe Freunde mitgebracht“ Rowohlt, 192 Seiten, 16,95?Ђ

Lesung
Buchhändlerkeller, Carmerstraße 1, Charlottenburg, Do 18.11., 20.30?Uhr

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