500 Jahre Reformation

Luther lohnt sich

Im Reformationsjahr 2017 muss man Martin Luther nicht mögen, aber man kommt an ihm auch auf dem Buchmarkt nicht vorbei. Ein Überblick

Foto: Ferdinand Pauwels/ wikimedia/ public domain
Foto: Ferdinand Pauwels/ wikimedia/ public domain

Seinen Luther kann man sich nicht aussuchen. Dabei wäre es verlockend, ihn nur als großen Reformator zu sehen und zu feiern, als ruhmreichen Bibelübersetzer und angeblichen Schöpfer der deutschen Sprache (und so schöner Lieder wie „Ein feste Burg ist unser Gott“ oder „Vom Himmel hoch da komm ich her“). Aber Luther (1483-1546) hatte viele Gesichter und dazu zählen eben auch die Fratzen des deutschtümelnden Polterers und hemmungslosen antisemitischen Hetzers. Differenzierte Einblicke in sein Leben, Denken und Wirken geben zahlreiche Bücher, die zum Reformationsjubiläum erscheinen, vom lutherischen Pastorensohn und Atheisten Georg Diez etwa („Martin Luther, mein Vater und ich“), der genau diese Gemengelage analysiert oder vom Publizisten Friedrich Dieckmann („Luther im Spiegel“), der deutsche Geistesgrößen auf ihren Luther-Gehalt abklopft.
Von Haus aus war Luther übrigens ein Luder. So hieß er. Martin Luder. Bis er sich den Namen gab, der heute eine ganze Epoche bezeichnet. 500 Jahre ist es jetzt her, dass der gebürtige Mansfelder seine 95 Thesen gegen den Ablass ans „schwarze Brett“ der Wittenberger Schlosskirche schlug und damit einen Prozess in Gang setzte, den er so nicht vorhergesehen hatte. Die oft verklärend heroisierte und mythologisierte Tat markiert bekanntlich den „offiziellen“ Beginn der Reformation, in deren Verlauf Luther allerdings nur ein Baustein war, wenn auch ein gewichtiger.
Vielleicht ist die „Marke Luther“ (Andrew Pettegree) das erfolgreichste Marketingkonzept aller Zeiten. Die mediale Öffentlichkeit der Lutherzeit sah natürlich anders aus als heute – sie entstand ja erst –, aber der aufgeweckte Augustiner-Mönch, ein begnadeter Texter, erkannte schnell die Wirkung des gedruckten Wortes und auch die Bedeutung eines effektiven Designs: Lucas Cranach (der Ältere) wurde quasi Chef-Designer der Reformationswerbeagentur Wittenberg. Die Reformation musste auch verkauft werden.
Die „Marke Luther“ zieht anscheinend noch immer, zumindest wird der Buchmarkt gegenwärtig von einer ganzen Titelflut überschwemmt. Wirklich herausragend sind hier Thomas Kaufmanns „Erlöste und Verdammte“, eine umfassende „Geschichte der Reformation“, und die Maßstäbe setzende, sehr plastische Luther-Biografie der Historikerin Lyndal Roper, die 2016 zum Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften gewählt wurde.
Zu empfehlen ist auch „Als unser Deutsch erfunden wurde“, der Bestseller des ehemaligen ZITTY-Redaktionsleiters Bruno Preisendörfer, der darin das Leben und den Alltag zur Lutherzeit unter die Lupe nimmt. Man muss Luther nicht mögen, um sich für die Reformation zu interessieren, aber man kommt an ihm nicht vorbei. Auch nicht, wenn man sich mit der deutschen Kulturgeschichte der letzten 500 Jahre beschäftigt – von Cranach und Dürer über Johann Sebastian Bach, Goethe und Thomas Mann bis in die Gegenwart. Ach ja, und demnächst erscheint dann noch Friedrich Christian Delius’ Streitschrift „Warum Luther die Reformation versemmelt hat“.
Von Berlin aus, das seit Jahrhunderten evangelisch ist, fährt man nicht weit nach Wittenberg. Der Ausflug lohnt sich. Geschichte wird dort greifbar. Neben der Schlosskirche, der Stadtkirche, dem Luther-Haus und den Cranach-Höfen ist das Domizil Philipp Melanchthons ein mit zahlreichen Exponaten, nicht zuletzt gut erhaltenen Büchern, bestücktes Highlight. Melanchthon war Luthers Ko-Reformator, ein Humanist und Literaturliebhaber wie Erasmus von Rotterdam, dessen lateinisch-griechische Bibelausgabe für Luthers Übersetzung von großer Bedeutung war. Ein Motto der Humanisten, ohne die die Reformation gar nicht zu denken ist, lautete: Zu den Quellen. Auch diese Möglichkeit bietet der Buchmarkt mit Luthers „Ausgewählten Schriften“, die unter anderem den Traktat „An den christlichen Adel deutscher Nation“ enthalten – und natürlich auch die berühmten „95 Thesen“. Seinerzeit war das pures Dynamit.

Bücher

Als unser Deutsch erfunden wurde. Reise in die Lutherzeit
von Bruno Preisendörfer, Galiani, 470 S., 24,99 €

Ausgewählte Schriften
von Martin Luther, Insel, 6 Bände, 1882 S., 49,95 €

Der Mensch Martin ­Luther. Die Biographie
von Lyndal Roper, aus dem Englischen von Holger Fock und Sabine Müller, Fischer, 730 S., 28 €

Geschichte der Reformation in Deutschland
von Thomas Kaufmann, Suhrkamp, 1038 S., 28 €

Heinz Scheible: Melanchthon. Vermittler der Reformation
von Heinz Scheible, Beck, 445 S., 28 €

Luther im Spiegel
von Lessing bis Thomas Mann von Friedrich Dieckmann, Quintus, 160 S., 22 €

Martin Luther, mein Vater und ich
von Georg Diez, C.Bertelsmann,256 S., 17,99 €

Warum Luther die Reformation versemmelt hat
von Friedrich Christian Delius, Rowohlt, 64 S., 8 € (ab März)

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