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Marc Schweska: „Zur letzten Instanz“

feeling_bDie Kybernetik spielte in der DDR der 80er-Jahre offiziell keine Rolle mehr. Von Erich Honecker zur Pseudowissenschaft erklärt, verabschiedete man sich von einem kybernetischen Weltbild. Anders in den Aufbaujahren, als Pircks senior den Versprechen von Freiheit durch Exaktheit und Berechenbarkeit Glauben schenkte. Voller Euphorie dachte er sogar daran, seinen Sohn „Kyberto Sputnik“ zu taufen. Daraus wurde dann zwar doch nur Lemania, kurz: Lem. Aber das Festhalten am kybernetischen Leitbild blieb.
Mit Lem wuchs in Ostdeutschland eine Generation auf, die sich von Leitbildern und Utopien längst verabschiedet hatte. Als Nischenexistenz lebte man in den Tag hinein, versuchte sich die Zumutungen des Realsozialimus vom Leib zu halten, lauschte Bands wie Der Expander des Fortschritts, Feeling B oder Ornament & Verbrechen und erprobte sich selbst in allerei avantgardistischem Performance-Schnickschnack. Lem ist Beleuchter am Berliner Arbeiter-Theater und später an der Komischen Oper. Wenn der Spielplan es zulässt, bastelt er Kleinstcomputer, macht Musik und treibt durch das äußerst übersichtliche Ostberliner Kultur- und Nachtleben zwischen dem Haus der jungen Talente und der Schoppenstube, zwischen Cafй Nord und Mosaik.

Wie zwei Jahre zuvor bereits Rayk Wieland in seinem vielgelobten Roman „Ich schlage vor, dass wir uns küssen“ beschreibt nun auch der 1967 geborene Marc Schweska in seinem Debüt ein spielerisches Lebens­gefühl, das viel mehr von Kunst und Theorie, Alkohol und Langeweile bestimmt war als von Stasiangst und Duckmäusertum. Man pflegte eine lässige Antihaltung gegen den sozialistischen Realismus, eckte an und frickelte rum. Alles, was nach Freiheit roch, wurde eingesogen.
Allein: Es fehlte an Handlung im eigenen Leben. Darin ist Schweskas Roman auch formal recht konsequent. Abgesehen davon, dass Lem Ira kennenlernt, die bald ein Kind von ihm erwartet und dennoch in den Westen heiratet, passiert eigentlich recht wenig. Zudem könnte Schweskas collagierte Erinnerungsprosa für Nichteingeweihte ein wenig kryptisch erscheinen. Trotz angehängtem Glossar weiß heute wohl kaum jemand, dass es kein Vergnügen war, eine „Nacht mit der reizenden Magdalene Keibel“ zu verbringen, sondern dass derjenige von der Staatsmacht in die Mangel genommen wurde.

Text: Ralph Gerstenberg

Foto: Harald hauswald / Ostkreuz

tip-Bewertung: Annehmbar

Marc Schweska: „Zur letzten Instanz“
Eichborn, 360 Seiten, 32?Ђ

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