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Marco Balzano: „Damals, am Meer“

damals__am_meerDas aktuelle Bild der Männer aus Italien wird geprägt von eitlen Hähnen а la Silvio Berlusconi oder Flavio Briatore – von Schwere­nötern, die ihre Hemden gerne ein, zwei Knöpfe zu weit offen tragen, wenn Frauen in der Nähe sind. Herren, denen der Hosenbund beständig locker sitzt und die auf Bunga Bunga schwören. Das ist bedauerlich. Denn war Italien nicht auch mal das Land des kultivierten Machismo und von Machiavelli? Von Männern also, die sich an Macht und Weiblichkeit gelabt haben, beides aber noch als Kunst betrachteten und nicht als Gockelei? Marco Balzano macht sich auf, das Bild der Berlusconis und der Briatores zu entzerren. Drei Männer steckt er in ein Auto, schickt sie von Mailand nach Apulien, von der Metropole in das heiße, randständige Nirgendwo. Ein klassisches Roadmovie mit Großvater Leonardo, dessen Sohn Riccardo und Enkel Nicola, dem Ich-Erzähler dieses Buches – ein Grübler, der nicht flügge wird.

Flügge sein heißt in Italien für die Männer seit jeher: mit einem festen Arbeitsplatz zu renommieren. Nicola indes treibt sich seit Jahren an der Universität herum, will Lehrer werden, doch wenn er vor die Klasse tritt, untergraben seine Zweifel jegliche Autorität. Zweifel an der Familie. An Gott und der Welt. Letzteres ist tatsächlich nicht so einfach, doch die Familie lässt sich neu sortieren, gerade auf der langen Autofahrt gen Süden, wo Opa, Analphabet und Kommunist, die alte, verfallene Wohnung verkaufen will. Sie ist die vormalige Heimat der Familie, ein Nest der Wärme, doch auch ein Hort verlogener Legendenbildung. Balzano, der seinen ersten Roman vorlegt und bislang Lyrik veröffentlicht hat, meidet gekonnt den Krawall. Er möchte keine Chargen, nicht den Showdown, sondern Charaktere, deren Kleinmut und Melancholie ein Korrektiv zum hemdsärmeligen Männerbild des Latin Lover bieten. Sein Ton wird inniger, persönlicher, je tiefer das Männertrio in die Provinz eintaucht. Die Masken fallen, Opa trifft einen Kameraden aus dem Krieg, der Enkel trifft die erste Liebe wieder. Der Vater suhlt sich im eigenen Phlegma. Balzanos Buch ist wie ein Seismograph, es sucht leise Erschütterungen. Die lauten hören wir ja ohnehin sehr weit vernehmbar aus dem Hause Berlusconi.

Text: Lars Grote

tip-Bewertung: Lesenswert

Marco Balzano: „Damals, am Meer“
Aus dem Italienischen von Maja Pflug, Kunstmann, 222 Seiten, 17,90 Ђ

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