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Mark Twain: „Meine geheime Autobiographie“

MeinegeheimeAutobiografie_MarkTwainSamuel Langhorne Clemens (1835–1910), den alle Welt besser als Mark Twain kennt, hat viele schöne Romane und abenteuerliche Reisebücher verfasst, humoristische Abhandlungen und kritische Zeitungsberichte. Trotz eines beachtlichen gedruckten Werks also war er – ein Meister in der Vermarktung seines geistigen Eigentums – eher ein Mann des gesprochenen Wortes, ein Vortragskünstler.

Kein Wunder, dass er seine Erinnerungen nicht selbst zu Papier brachte. Vielmehr diktierte er sie samt Abschweifungen und Nebengedanken ab 1904 der flinken Josephine S. Hobby in den Stenoblock, dabei häufig bequem im Bett liegend. Bei aller Lässigkeit der Produktion darf man sich den memorierenden Alten aber durchaus als harten Gedankenarbeiter vorstellen, der „lieber zehnmal nachdenkt, eh er einmal den Leser ermüden könnte“, wie Rolf Vollmann im Vorwort anmerkt. Die Mischtechnik aus Diktat, Dialog und Nachbearbeitung hat im Ergebnis einen ganz besonderen Zauber – auch deshalb, weil der Mississippi-Lotse nicht stur dem unweigerlichen Weg von der Wiege ins Grab folgt.
Ein halbes Dutzend Lektoren hat aus 5?000 hinterlassenen Manuskriptseiten die „Autobiography of Mark Twain“ geformt, deren erster Band bei seiner Veröffentlichung in den USA 2011 mit mehr als einer halben Million Käufer einen sensationellen Erfolg verbuchte. Aber was hat es mit dem Slogan „100 Jahre unter Verschluss“ auf sich, in dem das marktschreierische Getöse des Aufbau Verlags mündet? Richtig ist: So vollständig gab es die Gedanken Mark Twains zu seinem Leben bisher nicht zu lesen. Aber: Nur ein ganz kleiner Teil erscheint hier wirklich erstmals.

Am Ende sind es die privaten Momente, die in diesem reich bebilderten Doppelband (zwei weitere werden folgen) haften bleiben. So die Berichte über den Tod seiner Frau Olivia Louise oder den seiner Tochter Olivia Susan, die nur 24 wurde.
Vor einem Missverständnis warnt der als scharfzüngiger Kritiker von Land und Leuten bekannte Verfasser jedenfalls ausdrücklich: „Dieses Buch ist kein Rachefeldzug.“ Was ja nicht heißt, dass Langeweile aufkommen muss. Wie schrieb der Herausgeber der ersten Publikation 1959 so schön: „Ich möchte den Leser darauf hinweisen, dass nicht alles, was Mark Twain in diesem Buch sagt, das reine Evangelium ist.“  

Text: Reinhard Helling
tip-Bewertung: Lesenswert

Mark Twain: „Meine geheime Autobiographie“
aus dem Amerikanischen von Hans-Christian Oeser und Andreas Mahler, Aufbau, zwei Bände im Schuber, 1129 Seiten, 49,90 Ђ, ab 1.1.2013 59,90 Ђ

 

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