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Maxim Biller. Ein Hausbesuch

Maxim Biller. Ein Hausbesuch

Maxim Biller hat gerade eine gröbere Erkältung überstanden, als wir uns zum Gespräch über seinen neuen Roman "Biografie" treffen. Wir trinken Ingwertee in seiner Wohnung in Fußweite vom Zionskirchplatz. Ein heller Raum, dezent möbliert, an den Wänden und in den Fenstern ein paar persönliche Stücke. Keine überladene Autorengruft, wie man das manchmal mit einem Schreibleben assoziieren möchte, ganz im Gegenteil, und auch er selbst macht einen aufgeräumten Eindruck. Wären wir in einer Szene in seinem Buch, dann würde hier nun die Hemdenmarke stehen, die er trägt, aber ich verzichte darauf, ihn zu fragen, und selbst kenne ich mich da nicht so im Detail aus. Trägt er unten Dries? Zu blöd, ich habe nicht geschaut, als er den Tee brachte, und jetzt sitzt er ja schon.
Wo fängt man an, wenn man über ein 900 Seiten dickes Buch sprechen will, dessen Autor viel dazu getan hat, sich un(an)greifbar zu machen? Die Modemarken, mit denen sich in Deutschland anfangs die Popliteratur von Pappa’s Buchzirkus abgrenzte, wozu es in "Biografie" nun eine Art Schlussgesang gibt, sind ja nur das eine. Seine Polemiken im "Literarischen Quartett", seine Einlassungen zur deutschen Literatur, all das muss nun für einen Augenblick ins zweite Glied. Wir sind hier, "one on one", und wollen über sein Buch sprechen. Warum ist "Biografie" so umfangreich geworden? "Ich rutsche immer aus. Die Novelle über Bruno Schulz sollte eine kleine Erzählung werden, dann war da aber plötzlich etwas, das für sich stehen konnte. Schreiben ist ja eigentlich vor allem eines: dieses Gleichgewicht halten zwischen dem Handwerk, das man sich selbst beigebracht hat, und dem Lockerlassen. Ich wollte etwas über diese beiden Freunde schreiben, Noah Forlani und Soli Karubiner. Dass zig andere Personen sie auf ihrem Weg begleiten würden, das wusste ich nicht."
Wenn man Maxim Biller beim eigenen Wort nimmt, dann hat er mit "Biografie" vor allem "lockergelassen". Ein weitläufiger, immer wieder grotesker Familienroman in jedem Sinn des Wortes, in dem er die eigene Geschichte entgleisen lässt, allerdings nur so weit, dass am Ende eine Art Rückkehr möglich wird, an einen osteuropäischen Ort, an dem zwei Juden nach etwas suchen, "was sie verbindet". Den Titel "Biografie" will Biller nicht zu literaturtheoretisch verstanden haben, und schon gar nicht als Replik auf den Umstand, dass sein Roman "Esra" nicht verkauft werden darf, weil sich darin Menschen aus seiner Biografie erkannt und indiskret beschrieben fühlten. "Bei meinem Roman dachte ich lange, er sollte heißen: ,Das therapeutische Jahrhundert‘. Ich erzähle, wie die Figuren das geworden sind, was sie sind. Biografie ist in Deutschland kein besonders populäres Konversationsthema auf Partys, wissen Sie. In Deutschland haben die Leute gerade noch Eltern. Da ist so eine große Entfernung zur Geschichte."
Diese Entfernung wird bei Biller tatsächlich in vielerlei Hinsicht überwunden.
Und doch gewinnt man bei der Lektüre den Eindruck, dass das, was er eigentlich zusammenführen will, danach noch stärker auseinanderfällt: "Biografie" ist eine dezidiert jüdische Geschichte, weil Biller fast schon auf Teufel komm raus all das erzählerisch hervorkehrt, was, sei es nun als Klischee, als Last, als Bewusstsein von Auserwählung, als Familien­erbe, eine überbordende jüdische Identität ausmacht. "Schreibt nicht wie Deutsche", hat Biller vor einer Weile den deutschen Autoren zugerufen. Er selbst hat mit "Biografie" sein Lebensthema, das er in dem Buch "Der gebrauchte Jude" schon viel knapper und reflexiver offengelegt hatte, nun in die Form eines in alle Richtungen schwirrenden Epos gebracht. "Ich hoffe sehr, dass es ein deutscher Roman ist", sagt Maxim Biller zum Abschied. Ist doch gar keine Frage, bin ich versucht zu sagen, aber ich weiß natürlich, dass das nur die eine Hälfte einer diffizilen Antwort sein könnte.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Lottermann and Fuentes

Biografie von Maxim Biller, Kiepenheuer & Witsch, 896 S., 29,99 Euro

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