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Michail Schischkins „Venushaar“

VenushaarDieses Buch ist eine Zumutung. Wie ein Strom, der über die Ufer tritt, alles mit sich reißt: Zeitachsen, Gewissheiten, jedwede Moral. Worum es geht? Wenn man das nur so genau wüsste. Vordergründig sind es drei Stränge, oft bruchlos ineinander übergehend, um einen Russisch-Übersetzer, den „Dolmetsch“. Der erste: die Schweizer Einwanderungsbehörde, Schischkin nennt sie „Flüchtlingskanzlei des Ministeriums für Paradiesverteidigung“. Wo ein Beamter – der „Schicksalslenker“ oder auch „Petrus“ – meist russische Asylsuchende ausfragt. Oft erzählt er deren Leben gleich selbst weiter. Weil er sie alle schon gehört hat, von anderen GS, das steht für „Gesuchsteller“. Etwa die Soldatenschicksale, die bis Tschetschenien reichen: demütigende Ausbildungsrituale, grausame Morde. Aller Schrecken Widerhall. Denn Petrus weiß, was die GS glauben: dass nicht die wahre Geschichte ins Paradies führt, nur die erschütterndste. Zweiter Strang: das ein Jahrhundert umspannende Tagebuch der Sängerin Isabella Jurjewa, die der Dolmetsch, noch als junger Lehrer in Moskau, für ein Buch treffen soll. Dritter Strang: die Mutter seines Sohnes, die ihn verließ, weil sie immer noch ihren toten Ex-Mann liebte.

Der 50-jährige Schischkin, der seit 15 Jahren in Zürich lebt, gilt in Russland längst als einer der wichtigsten zeitgenössischen Schriftsteller. Mit „Venushaar“ ist er nun für den Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt nominiert. Zu Recht. Der Roman ist von monumentaler, unzählige literarische Bezüge einspeisender Sprachwucht. Schischkin tritt dabei komplett hinter seine Figuren zurück. Er erzählt nicht, er lässt erzählen. Grandios komplexe Dialoge – ein Absatz mäandert oft über Dutzende Seiten – lassen den Leser nicht selten orientierungslos zurück. Verloren im Strom. Einmal fragt ein GS: „Warum schreiben Sie das überhaupt alles auf, was ich sage, wenn es sowieso keinen Zweck hat?“ Darauf Petrus: „Ich schreibe, damit von Ihnen etwas bleibt.“ Vielleicht ist das die Quintessenz. Dass es Schicksale gibt, die einfach nicht verloren gehen dürfen. Gerade dann, wenn die Menschen es längst sind.

Text: Erik Heier

tip-Bewertung: Herausragend

Michail Schischkin: „Venushaar“ Aus dem Russischen von Andreas Tretner, DVA, 560 Seiten, 24,99 Ђ

Lesung und Gespräch mit Michail Schischkin und Andreas Tretner, Literarisches Colloquium Berlin, Am Sandwerder 5, Zehlendorf, Do 16.6., 20 Uhr

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