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Michel Decomain über die Manga-Comic-Convention der Leipziger Buchmesse

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Katharina Kirsch zeigt in Leipzig ihren brandneuen zweiten und abschließenden Band des humorvollen Vampir-Manga „Nachtläufer“. Foto:  Comic Culture Verlag

Das Rahmenprogramm mit Kostümwettbewerben, Konzerten, Kalligraphie- und Bogenschießworkshops sowie kulinarischen Angeboten und einem Teegarten vermittelt ein spannendes Bild des ursprünglich in Japan entstandenen Phänomens, das mittlerweile weltweit Anhänger findet. Tip-Redakteur Jacek Slaski sprach über Berlin als Manga-Stadt, Raubdrucke, japanische Lizenzen und spannende Newcomer mit dem Berliner Szeneristen, Redakteur und Herausgeber Michel Decomain, der u.a. für den Comic Culture Verlag arbeitet und zu den wichtigsten Akteuren der Berliner Manga-Szene gehört.

In Leipzig sind bei der „Manga-Comic-Convention“ nicht sehr viele Berliner Aussteller vertreten. Ist Berlin überhaupt eine Manga-Stadt, wie schätzen Sie die Szene ein?
Wir haben mehr als 20 Comic-Fachgeschäfte in Berlin, darunter auch mehrere auf Manga und japanische Popkultur spezialisierte Läden. Mit Kazй hat ein Manga-Großverlag seinen Hauptsitz hier. An Kleinverlagen, die auch Manga führen, gibt es aber außer uns in Berlin nicht wirklich etwas, obwohl die Independent-Verlagsszene in Berlin eigentlich sehr gut besetzt ist. Dazu kommen noch kleinere selbstverlegte Manga-Projekte und Zeichenzirkel.

Die Spanne der Veranstaltungen reichen von kleineren Zeichentreffs bis zu den großen Conventions im Herbst, die im Wechsel von den Berliner Vereinen MMC-Berlin und AniMaCo veranstaltet werden und jährlich rund 10.000 Besucher anziehen. Insgesamt ist die Mangaszene in Berlin sehr stabil und nach dem Ruhrgebiet vermutlich die größte und aktivste im deutschsprachigen Raum.
Dass recht wenige Aussteller ihren Weg nach Leipzig finden, hat mehrere Gründe. Die Stände sind sehr teuer und gerade für kleinere Verlage, gemessen an Arbeitsaufwand und Kosten, selten lohnend. Händler beschweren sich zudem seit Jahren über die zahlreichen Großimporteure von Raubkopien, die in Leipzig den Händlerbereich dominieren. Das Problem ist schon lange bekannt, aber die Messeleitung hat es, im Gegensatz zu so ziemlich allen größeren deutschen Manga-Conventions, bisher nicht fertiggebracht, etwas dagegen zu unternehmen. Wichtige Berliner Verlage fehlen meines Wissens dieses Jahr nicht, aber mehrere lokale Händler und Shops haben schon frustriert das Handtuch geworfen, ebenso einige Manga-Kleinverlage aus anderen Städten.

Im MCC-Kreativ-Markt, wo selbstverlegte Manga-Produkte verkauft werden, können Sie aber noch zahlreiche weitere Berliner Aussteller finden. Wie kamen Sie zum Manga und auf die Idee, einen Manga-Verlag zu gründen?

Der Verlag besteht seit 2009 und wurde mit der Idee geboren, lokalen Comic-Schaffenden eine Plattform für Veröffentlichungen einzuräumen. Über den bereits erwähnten MMC-Verein bestand zudem eine gute Anbindung an die hiesige Fanszene. Seither publizieren wir etwa zwei bis drei Neuveröffentlichungen im Jahr, neben Manga aber auch Comics im westlichen Stil, Hörspiele, Kinderbücher und diverse Merchandise-Artikel. Der größte Erfolg war bisher die vierbändige Fantasy-Manga-Reihe „Grimoire“ von Marika Herzog. Aber auch das speziell für Messen und Conventions produzierte Merchandise und die Hörspiele laufen sehr gut.

?Wie erfolgreich kann ein Manga-Verlag jenseits von Japan überhaupt werden? Werden Ihre Publikation im Manga-Mutterland wahrgenommen oder gar gewürdigt?
Zuerst einmal macht es natürlich einen Unterschied, ob der Verlag japanische Lizenzen publiziert oder eigene Titel produziert. Der dominierende Teil des deutschen Mangamarktes besteht aus japanischen Lizenzen. In der Hinsicht werden hiesige Verlage in Japan natürlich in erster Linie als Lizenznehmer wahrgenommen. Westliche Eigenproduktionen haben für den japanischen Markt so gut wie keine Relevanz, egal ob von Groß- oder Kleinverlagen. Wer als deutscher Mangaka in Japan verlegt werden will, muss nach Japan gehen und dort direkt für die Verlage arbeiten. Einige wenige haben das auch wirklich schon geschafft. Japanische Fans sind meist sehr interessiert, wenn sie einmal mit westlichen Manga konfrontiert werden, und das Kyoto International Manga Museum sammelt meines Wissens auch ausländische Manga-Titel für den eigenen Bestand. Aber darüberhinaus ist da nicht viel zu erwarten. 

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Dämon in Prenzlauer Berg: Marika Herzog entdeckt in „Demon Lord Camio“ Berlin als Kulisse. Foto: 2014 Egmont Manga / CHASM

Wie wichtig sind für Sie Berliner Autoren?
Berliner Autoren waren natürlich von Anfang an der Kern unserer Publikationen. Marika Herzog wurde schon erwähnt. Eine weitere Manga-Zeichnerin, Katharina Kirsch, ist ebenfalls Berlinerin. Zudem arbeiten wir mit den Comic-Zeichnern Guido Neukamm und Daniel Gramsch zusammen, die Fans der Zeitschrift MAD sicher ein Begriff sind. Marie Sann hat uns schon etwas Merchandise entworfen, und die Nachwuchszeichnerin Giske Großlaub, die ihren Schwerpunkt stark auf Horror setzt, hat bisher ein Sketchbook bei uns herausgebracht. „Grimoire“ nehmen wir natürlich auch nach dem Abschluss der Serie samt Zeichnerin mit nach Leipzig. Weiterhin wird Katharina Kirsch dort ihren brandneuen zweiten und ebenfalls abschließenden Band des humorvollen Vampir-Manga „Nachtläufer“ präsentieren. Miriam Esdohr, die Autorin des Mystery-Bandes „Iakes“, unserer zweiten Neuveröffentlichung, stammt aus Bremen, wird aber ebenfalls vor Ort signieren.

Was erhoffen Sie sich für Ihren Verlag von der Leipziger Buchmesse und der Manga Convention?
Natürlich wenigstens die Deckung sämtlicher entstandener Kosten, das dürfte klar sein. Zudem möchten wir unsere neuen Produkte vorstellen und den Fans Gelegenheit geben, unseren Autorinnen persönlich zu begegnen und sich vielleicht eine Signierung oder kleine Zeichnung abzuholen. Das direkte Feedback der Fans ist auch für Manga-Schaffende selbst sehr wichtig. Zudem möchten wir in der Fanszene die Aufmerksamkeit auf heimische Manga-Künstler lenken und ihnen zeigen, dass gute Manga nicht immer nur aus Japan stammen müssen, sondern auch mal direkt vor der Nase liegen können.

Existiert ein spezieller „Berliner“ Manga-Stil??
Es gibt überhaupt keinen speziellen Manga-Stil, weder lokal noch sonst wie ausgerichtet. Genauso heterogen und individuell wie die japanischen Mangaka sind auch ihre deutschen und Berliner Kollegen. Wenn wir eine lokale Entwicklung beobachten können, dann dass Berliner Mangaka verstärkt die eigene Stadt als Kulisse für ihre Geschichten entdecken. „Nachtläufer“ spielt zum Beispiel in Berlin, genauso wie das neue Projekt von Marika Herzog, „Demon Lord Camio“, dass vor einigen Tagen bei Egmont erschienen ist. Der Manga-Club der Deutsch-Japanischen Gesellschaft Berlin arbeitet zudem gerade an einem selbstverlegten Sonderband zum 20-jährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft Berlin-Tokio, der im Mai erscheinen soll. Berlin wird also auch als Manga-Kulisse immer angesagter.

WEITERE INFORMATIONEN

Manga-Comic-Convention vom 13. bis 16. März in Leipzig 2014, www.manga-comic-con.de

Comic Culture Verlag www.comic-culture-verlag.de

MMC-Berlin www.mmc-berlin.com?

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