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Michel Houellebecq: „Karte und Gebiet“

houellebecqWenn Michel Houellebecq einen neuen Roman veröffentlich, ist das Rauschen im Blätterwald vorprogrammiert. Das ist bei seinem bislang lesbarsten und vielleicht auch lesenswertesten Werk „Karte und Gebiet“, für den er in seiner Heimat den „Prix Goncourt“ erhielt, nicht anders als bei seinen Vorgängern. Keinen Skandal gebe es diesmal, und genau das sei der eigentliche Skandal, üben sich Feuilletonisten aller Postillen in Stabilbaukastendialektik. Der Mann, der in sturer Einfallslosigkeit jahrelang als „Enfant terrible“ bezeichnet wurde, hat den von ihm genau wegen dieser selbstgefälligen Stupidität verhassten Kulturzeitungsschreibern eine neue Vokabel in den Mund gelegt: „kranke, alte Schildkröte“. So beschreibt er in einer der großartigsten Szenen des Buches seine Romanfigur Michel Houellebecq, und kaum ein Rezensent verzichtet nun auf den Schildkröten-Vergleich.

Doch zunächst beginnt der Roman mit einem anderen Protagonisten, dem Künstler Jed Martin, der mit Houellebecq durchaus wesensverwandt ist. Neben der gemeinsamen Begeisterung für Supermärkte und perfekte Produkte verfügen beide über äußerst spärliche Sozialkontakte und pflegen eine kühle Sicht auf die schnöde kapitalistische Wirklichkeit. In Jeds Werk steigert sich das nach einer Foto-Reihe von Michelin-Karten zu einer warholesken Ikonografie der Gegenwart. Seine Porträts heißen „Damien Hirst und Jeff Koons teilen den Kunstmarkt unter sich auf“ oder „Bill Gates und Steve Jobs unterhalten sich über die Zukunft der Informatik“. Letzteres hätte Martin auch „Eine kurze Geschichte des Kapitalismus“ nennen können, meint die Romanfigur Michel Houellebecq, der berühmte Schriftsteller, der ebenfalls von Martin porträtiert und wenig später auf bestialische Weise ermordet wird: Sein Kopf wird mit einem Laserschneider abgetrennt. Die Beerdigung Houellebecqs in einem Kindersarg auf dem Friedhof von Montparnasse unweit des Grabes von Emmanuele Bove ist ein lustvoll-makaberer Höhepunkt dieses postmodernen, autofiktiven Künstlerromans, der im letzten Drittel in einen Krimischocker а la Stieg Larsson übergeht, um mit einer postindustriellen Zukunftsvision um 2030 zu enden.

Text: Ralph Gerstenberg

Foto: Ullstein Bild-Poklekowski

tip-Bewertung: Herausragend

Michel Houellebecq: „Karte und Gebiet“;  Deutsch von Uli Wittmann, Dumont, 416 Seiten, 22,99 Ђ

Deutschlandpremiere mit Houellebecq und Martin Wuttke Babylon, Rosa-Luxemburg-Straße 30, Mitte, Mi 6.4., 20 Uhr

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