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Miljenko Jergovic: „Wolga, Wolga“

wolga_wolga„Wolga, Wolga“ ist ein gewaltiges Buch. Schnell könnte man dabei an Russlands großen Strom denken, doch der spielt im dritten Roman des 1966 in Sarajewo geborenen Autors Miljenko Jergovic keine Rolle, dafür die gleichnamige russische Automarke. Ein Wolga M 24, Baujahr 1971, bildet den fahrbaren Untersatz, mit dem sich Jergovic durch die wechselvolle und dunkle Geschichte des einstigen Jugoslawien manövriert und sich an der komplexen Wirklichkeit abarbeitet. Vieles ist Thema, einiges klingt an. Die Macht der Militärs, die noch größere Macht der Geheimdienste, Unterdrückung, Furcht, Verrat, Ausweglosigkeit. Und aus der Ferne dämmert das letzte blutige Kapitel des Vielvölkerstaates herauf: die Jugoslawienkriege der 90er-Jahre, der Völkermord. Die zentrale Figur des Romans ist Dzelal Pljevljak, Chauffeur des Generals Karamujic. Während der Hochzeit des Kommunismus galt Pljevljak als „bester Fahrer der Armee“, doch nach und nach wendet sich das Blatt, nimmt das Schicksal Pljevljaks, das zur Projektions­fläche des untergehenden Landes wird, Gestalt an. Weil Karamujic nationaltreuen Kroaten hilft, fällt er beim Chef des Sicherheitsdienstes, Oberst Adolf Res, in Ungnade, verliert an Einfluss im Generalstab und richtet sich auf das Ende ein.

Pljevljak hat bereits seine kleine Tochter und seine Frau verloren, nun verliert er Karamujic, der ihm wie ein Vater war. Was bleibt, ist der Wolga – als drückende Last, als unheilvolle Verbindung mit der Vergangenheit, die ihn nicht loslässt. Pljevljak sucht Trost im islamischen Glauben. Eine Moschee in Livno (Bosnien) wird ihm Zufluchtsstätte. Dann, am Neujahrstag 1989, kommt es zu einem schrecklichen Unfall. Pljevljak übernimmt die Verantwortung und kommt ins Gefängnis, wo er Bericht ablegt und über sein Leben reflektiert. „Wolga, Wolga“ ist ein intelligentes Arrangement auf mehreren Zeit­ebenen. Ein schwerer Stoff, aber leichtgängig erzählt und voller Wendungen. Pure Literatur. Mit feisten und widerlichen Szenen wie jener mit Oberst Res, der mit Badelatschen und Palmenhemd bekleidet und Zahnstocher im Mund Karamujic klar macht, wer am Ende das Sagen hat: „Wir verhaften auch Tote, wenn es dem Wohl des Landes dient.“

Text: Andreas Burkhardt
tip-Bewertung: Herausragend

Miljenko Jergovic: „Wolga, Wolga“ Aus dem Kroatischen von Brigitte Döbert, Schöffling & Co., 328 Seiten, 21,95 Ђ

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