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Miriam Toews: „Kleiner Vogel, klopfendes Herz“

KleinerVogelKlopfendesHerzNormale Familien kommen bei Miriam Toews kaum vor. Das ist bei ihrer Kindheit aber auch kein Wunder: Die Kanadierin wuchs in einer Mennoniten-Gemeinde auf, wo das Lesen der Bibel ordentlich Pluspunkte brachte, jede Form von Vergnügen dagegen bestraft wurde. Und so handeln ihre Romane von glücklosen Einzelgängern, deren familiäre Bande zerrissen ist. Das zeigte schon ihr Debüt „Ein komplizierter Akt der Liebe“, die autobiografische Aufarbeitung einer freudlosen Kindheit, in der das Mädchen Nomi Nickel zusehen muss, wie ihr Vater mit dem Festhalten an den Regeln der Glaubensgemeinschaft den Rest der Familie vertreibt.

Nach drei weiteren preisgekrönten Büchern hat Toews ihr Trauma jetzt erneut anvisiert: Irma Voth heißt ihre Protagonistin, die – aus Kanada südwärts gezogen – im Norden Mexikos in einem Mennonitendorf lebt. Als die 19-Jährige für eine Filmproduktion wegen ihrer Mehrsprachigkeit (Muttersprache Plattdeutsch, dazu Spanisch und Englisch) als Dolmetscherin engagiert wird, steht sie im Strudel turbulentesten Lebens. Nun spürt sie die Fessel ihrer Familientradition umso stärker und entschließt sich, mit den Schwestern Richtung Mexikostadt abzuhauen.

Miriam Toews, die in Winnipeg lebt, schreibt nicht nur. Sie arbeitet auch als Filmemacherin und spielte in Carlos Reygadas‚ Film „Silent Light“ die Hauptrolle. Mit ihrem gerade erst in Kanada erschienenen Roman „Kleiner Vogle, klopfendes Herz“ beweist die Autorin erneut, dass sie nicht nur viel Sinn für Humor und ein Auge für Details hat, sondern auch ein gutes Ohr für die Sprache Jugendlicher. Die Übersetzerin Christiane Buchner, die auch die anderen Romane von Miriam Toews übersetzt hat, hat auch bei dieser Geschichte alles richtig gemacht und uns einen sehr lebendigen Lesestoff vorgesetzt. In seiner Rezension zum Roman „Kleinstadtknatsch“, dem zweiten Buch von Toews, 2007 auf Deutsch erschienen, urteilte der Kritiker der „FAZ“: „Miriam Toews wertet die kanadische Nationalliteratur beachtlich auf.“ Das war untertrieben. Richtig ist vielmehr: Heute kann man über kanadische Literatur nicht sprechen, ohne den Namen Miriam Toews zu nennen. Längst ist die 47-Jährige im Land mit der Ahornflagge so beliebt wie die große Alice Munro, die am 10. Juli ihren 80. Geburtstag feiert.

Text: Reinhard Helling

Foto: Peripher Filmverleih

tip-Bewertung: Herausragend

Miriam Toews: „Kleiner Vogel, klopfendes Herz“ Deutsch von Christiane Buchner, Berlin Verlag, 208 Seiten, 19,90 Ђ

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