Bücher

„Mittelmänner“ von Jim Gavin

Jim Gavin hatte eigentlich nicht vor, Schriftsteller zu werden. In Long Beach bei Los Angeles geboren, jobbte er nach der Schule als Tankwart, Sportreporter und als Assistent bei der Quizshow „Jeopardy!“, bis er den Leuten in Kalifornien als Vertreter Toiletten und Duschen verkaufte. Dabei begann er, die Erlebnisse an den Türen in Geschichten zu packen, für die der heute 36-Jährige ein Stipendium der Stanford University erhielt. Vor vier Jahren dann druckte „The New Yorker“ – in den USA noch immer das Zentralblatt zugespitzter Prosa – die Story „Costello“. Nun war Gavin Schriftsteller. Besser gesagt: Short-Story-Autor – einer wie Ethan Canin oder Tony Earley, die sich seit Jahren um die kurze Form verdient machen.

Die Story von Martin Costello, der – na so was – an der Tür Sanitärartikel verkauft, krönt die zweiteilige Titelgeschichte des jetzt bei uns erschienenen Bandes „Mittelmänner“. Auf anrührende Weise gibt Gavin Vater und Sohn Costello Gesicht und Stimme, während er nebenbei eine besondere Branche mit ihren Ritualen porträtiert: „Er hatte die Gabe, sich Ersatzteilnummern einprägen zu können. Den ganzen Tag lang saß er wie ein Barde am Tresen und sang den minder talentierten Dichtern im Lager etwas vor (‚Druckschieber, OR12, 127 Millimeter‘).“ In einer anderen der sieben, sämtlich im Süden Kaliforniens angesiedelten Storys, die auf den ersten Blick etwas rätselhaft „Elefantentüren“ betitelt ist, arbeitet Adam Cullen als Assistent des spleenigen Quizshow-Moderators Max Lavoy, der mit historischen Fakten über Belgien nur so um sich wirft.

Weiterlesen: Nach seinem Mutter-Trauma macht Peter Wawerzinek seine langjährige
Alkoholsucht zum Thema seines neuen Romans „Schluckspecht“ 

Die Parallele zu Gavins „Jeopardy!“-Job ist kein Zufall und der Autor verleugnet das Autobiografische auch gar nicht: In einem Interview gestand er, ihm fehle die Fantasie für eigene Erfindungen. Und so lesen wir in der Story „Halte dich mannhaft“ über Pat Linehan und sein Basketballteam in Wahrheit von Gavins eigenen Erlebnissen zwischen den hoch gehängten Körben. Aber das macht nichts. Denn der Autor hat ein gutes Ohr und ebensolche Augen für das Leben einfacher Männer – mit all ihren fehlschlagenden Träumen. Freuen wir uns also über diese Geschichten voller Lakonie und Witz, denen Matthias Müller zudem einen schönen Klang im Deutschen verpasst hat.    

Text: Reinhard Helling

tip-Bewertung: Lesenswert

Jim Gavin: „Mittelmänner“ Aus dem Englischen von Matthias Müller, Liebeskind, 304 Seiten, 19,80 Ђ

Mehr über Cookies erfahren