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Monika Rinck

Ein gutes Gedicht, sagt Monika Rinck, verbessert die Person und aktualisiert ihre Wünsche. Insofern legt es Spuren, die auf das im Leben Wesentliche verweisen können. Als Transmitter von Wissen sind Gedichte hingegen nur bedingt geeignet. Verstehen wollen ist nicht die beste Strategie der Lyrik-Rezeption. Und doch habe sie selbst mit Hilfe von Gedichten „sehr viel verstanden“, sagt die 46-Jährige Poetin. „Mindestens die Hälfte dessen, was ich weiß, steht mit Gedichten in Verbindung.“
„Verzückte Distanzen“ oder „Honigprotokolle“, so klangvolle Titel tragen ihre Werke. Der Kleist-Preis, mit dem Monika Rinck am kommenden Sonntag geehrt wird – in der Nachfolge von Autoren wie Thomas Brasch und Heiner Müller –, reiht sich ein in eine Fülle von Ehrungen, die ihrer transdisziplinären Arbeit seit Jahren zuteil werden. 1969 im beschaulichen Zweibrücken geboren, kam sie als Studentin der Geschichte, Religions- und Literaturwissenschaft über Bochum nach Berlin, wo bis heute der Mittelpunkt ihres Lebens liegt. Seit zweieinhalb Jahrzehnten wohnt Monika Rinck im unprätentiösen und vielgestaltigen Moabit. Vielgestaltig sind auch die Gedichte der Frau, die als „Meisterin aller Tonlagen“ gehandelt wird. Die unversöhnlichen Gegensätze, das Nebenher von hoher Sprache und schnöder Witzelei sind für den Rinckschen Sound maßgeblich. „Pathos und Bathos“, sagt sie, der große Ernst sei ohne große Komik kaum zu ertragen. In ihrem Gedicht „so einfach“ klingt das zum Beispiel so:

Wie wunderbar, die Fülle hier, die wie das Leben ist
und wie das Wort und besser noch,
doch Jesus Christus sagt es mir‚
Du hast längst keine Mitte mehr‘.
Vielleicht könnten Highheels hilfreich sein
für die Balance, zum Glück, schon kommen die Apostel
Den grünen Hang herab, durchqueren
Den Olivenhain mit einer Auswahl
Stiefeletten.

Angefangen mit dem poetischen Schreiben hat Monika Rinck kurz vor dem Millennium, während eines Studienaufenthaltes in den USA. Sie las und schrieb und kopierte kiloweise Gedichte amerikanischer Autoren, die sie ­mittels Übergepäck nach Deutschland schaffte – das angedachte Promotionsexposй blieb daneben auf der Strecke.
Die Geisteswissenschaftlerin ist in ihren von mythologischen und religiösen Referenzen durchwebten Texten gleichwohl ständig präsent, auch wenn ihre Gedichte meist in Form entfesselter Assoziationsstürme daherkommen. „Eins führt zum anderen“, sagt Monika Rinck, „ungefilterte Eindrücke sind aber höchst selten, letztlich dauert es sehr lange, bis ein Gedicht fertig ist.“
Am liebsten arbeitet die Lyrikerin und  Essayistin zu Hause, in ihrer mit zwei Schreibtischen ausstaffierten Moabiter Wohnung. Am besten für das Schreiben seien „Vormittage, ohne Unterbrechungen, die zu Nachmittagen werden.“ Und natürlich fließe die Welt da draußen beständig in ihre Arbeit ein.
Seit Jahren sammelt sie in ihrem „Begriffsstudio“ obdachlose Worte und verunglückte Sätze wie zum Beispiel „Rohstoffel“ oder „Schwimmen nach Art der Tische“. Fragen ihre Person betreffend begegnet sie zunehmend skeptisch, Interviews führt sie am liebsten aus der Ferne. Gleichwohl ist Monika Rinck keine Eremitin. Sie ist gut vernetzt in der Szene, im ständigen Austausch mit anderen. „Schreiben“, sagt sie, „passiert zwar alleine, aber im Resonanzraum der Stimmen von allen.“

Text: Christoph David Piorkowski

Kleist-Preis Der erste Förderpreis für Literatur in Deutschland geht auf einen 1911 erschienen Artikel des Publizisten Fritz Engel zum 100. Todestags Heinrich von Kleists zurück.?1933 löste sich die Kleist-Stiftung auf. 1985 wurde der mit 20.000 Euro dotierte Kleist-Preis durch die Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft wiederbegründet.

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