Bücher

Moonage Daydream

Spirituelle, Superstars oder ewige Zweite: „Moonwalker“ von Andrew Smith erzählt, was aus den nur 12 Astronauten wurde, die den Erdtrabanten betraten.
 
40 Jahre nach der ersten Mondlandung ist der Journalist Andrew Smith unzufrieden mit der NASA: Seit Jahrzehnten lässt die Behörde ihre Raumschiffe in niedriger Umlaufbahn – 380 Kilometern Höhe – und domestizierten Allausflügen trödeln, während der rund 400 000 Kilometer entfernte Mond und die damit verbundene extreme, bewusstseinserweiternde Erfahrung der Unendlichkeit in Vergessenheit rückt. Vielleicht ist es Angst, die Menschen zurückhält, weil keiner mehr der Technik traut. Auf jeden Fall das Geld: pro Flug Milliarden von US-Dollar, die kein Bundeshaushalt bereitstellt.
 
Andrew Smith, der Neil Armstrongs Mondspaziergang als Kind vor dem Fernseher erlebte, macht aus seinem Wunsch nach einem Neubeginn der Mondraumfahrt sympathischerweise keinen Hehl. Für sein Buch „Moonwalker“ traf er die heute noch lebenden neun der nur zwölf Astronauten, die den Mond zwischen 1969 und 1972 betraten. Darunter Armstrong, Buzz Aldrin und den zum expressionistischen Maler konvertierten Alan Bean. Smiths Bericht bietet zweierlei: Zum einen die ebenso höchst spannende Geschichte aller Pannen und Ideen vor und während der Mondmissionen (zum Beispiel die einer essbaren Außenhaut der Mondkapsel, falls die Astronauten strandeten). Zum anderen die Chronik einer Entwicklung des Weltraumzeitalters inmitten einer von Hippies, Vietnam und Watergate geprägten Zeit. Für Smith sind Jimi Hendrix’ Gitarre und die Saturn V-Rakete die wichtigsten Ikonen des 20. Jahrhunderts: Symbole für den Reichtum und die Kraft Amerikas. Es war eine Ära des absoluten Pioniergeistes: Alles, was zum Mondflug nötig war, musste tatsächlich erst geschaffen werden.
 
Jeder, der den Mond betrat, hatte Probleme beim Wiedereinstieg in den Erd-Alltag. Armstrong wählte die Abgeschiedenheit; Aldrin, der Zweite auf dem Mond, wurde Alkoholiker; Edgar Mitchell, der in stellarer Dunkelheit die Anwesenheit Gottes gespürt haben will, gründete ein obskures Telepathie-Institut. Smith, das ist sein Kunststück, begegnet ihnen allen als Bewunderer, der sich jedoch von den alten Herren und deren pseudomystizistischer Weltraumprosa nicht um den Finger wickeln lässt – Gene Cernans Theorien über Planetenbesiedelung sind für ihn schlicht „Gelaber“.
 
Großartig sind Smiths Technik-Beschreibungen, seine Würdigung der Ingenieurleistungen, die den Irrwitz der Expedition vor Augen führen: die Mondlandefähre sähe aus, „als wäre sie von einer Gruppe Fünfjähriger aus Zahnstochern und Eierkartons zusammengebastelt und dann von deren Müttern mit Folie überzogen worden“. Eierkartons, die sich mit Handwerkerschläue benutzen ließen: Als die Landefähre beim Aufsetzen zu zerschellen drohte, weil der Motorschlüssel im Schloss abbrach, steckte Buzz Aldrin kurzerhand einen Stift hinein. Die Landefähre kam sicher an. Und Armstrong setzte zum Schritt an.

Andrew Smith, „Moonwalker: Wie der Mond das Leben der Apollo-Astronauten veränderte“, S. Fischer 2009,  494 Seiten, 22,95 Euro.

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