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Nadja ­Küchenmeister

Nadja ­Küchenmeister

Sie liebt es, wenn das Flugzeug startet.  Mehr noch als Tischtennis. Das ist der „Point of no Return“, sagt Nadja Küchenmeister. Klingt wie in ihrem Lieblingsfilm, dem Weltraum-Thriller „Gravity“. „Still und erhaben“ fühle sich das Fliegen für sie an. Den Zustand braucht sie auch am Schreibtisch. Eins ihrer beiden Netbooks hat deshalb kein Internet. Nur so kann sie Gedichte schreiben. Kein Smartphone darf sie ablenken. Das alte Klapphandy leuchtet wie ihr roter Lippenstift.
Nadja Küchenmeister, 34, ist eine der angesagtesten Lyrikerinnen zurzeit – nicht nur beim Deutschen Buchpreisträger Lutz Seiler, der in seiner Frankfurter Rede von ihren Texten schwärmte. Und waschechte Berlinerin ist sie: In Pankow geboren, hat sie in Treptow gelebt und richtig lang in Hellersdorf. „Dann ist man zwar aus Berlin, aber zugleich aus einem anderen Land „, sagt sie. Seit 15 Jahren wohnt sie im Prenzlauer Berg, aktuell im Bötzowkiez. Man sollte es nicht meinen. Denn an der Oberfläche kommt Berlin in ihren Texten kaum zur Sprache. Dafür viel Natur. „Ich bin mit Berlin im Reinen. Deshalb muss ich mich im Schreiben nicht mehr daran abarbeiten.“ Sie trinkt einen Schluck Johannisbeerschorle.
Mit einem Motto von Rilke beginnt ihr zweiter Lyrikband „Unter dem Wacholder“ – wie tollkühn kann man sein? „Ich hätte es aber auch gewählt, wenn es von Friedrich Liechtenstein wäre“, erwidert sie lässig. Überhaupt haben allerhand Fremdzitate den Weg in ihr Buch gefunden. Beach Boys und Baudelaire, Tom Waits und Stefan George. Von dem hat sie sich nicht bloß den Gedichttitel „juli-schwermut“ geliehen, sondern gleich noch vier Verse aus dem gleichnamigen Text. Doch sie gibt acht: „Wenn der Vers, den du aufnimmst, der stärkste ist, hast du ein Problem: Dann hast du ein Gedicht um diesen Vers herumgeschrieben.“ Einfluss passiere automatisch, wenn man viel liest und Musik hört. Auf ihrem iPod schlummern die alten Songs von Van Morrison, alle Platten der Bright Eyes, viel Klassik (am liebsten Mahler), Townes Van Zandt, Bonnie Prince Billy.
Aber sie treibt auch ihren liebevollen Schabernack mit geliebten Gedichten – wie im abgedruckten „nur damit du bescheid weißt“. Das spielt auf William Carlos Williams‘ „this is just to say“ an. Aber dessen Pflaumen aus der Eisbox ersetzt sie durchs Handtuch aus dem Bad. Lyrisches Ich, lyrisches Du. Innere Spannung. Die Basiszutaten ihrer Liebesgedichte. Auch den schweren Sujets setzt sie mit Klang einen schönen Kontrapunkt. Solange etwas noch nicht stimme, wenn sich Bild und Form behinderten, spüre sie das: „Das pocht dann wie ein Zahnschmerz.“ Bei aller Strenge mit sich und der Form ihrer Gedichte bleibt sie überraschend offen für fremde Interpretation: Einmal hat sie ein Todesgedicht geschrieben. Jemand fand, das sei ein astreines Liebesgedicht. „Dann ist es wohl auch das“, sagt sie. Sie habe sich für das Gedicht gefreut, dass es auch ein Liebes­gedicht sein darf.
Beim Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, wo sie im Sommersemester wieder unterrichtet, hat sie irgendwann trotzdem gerade die Texte, die ihr besonders wichtig waren, nicht mehr vorgestellt: „Ich wollte nicht mehr gestört werden durch Zweifel, die andere haben. Du verlierst dann, wenn du Pech hast, dein Gedicht.“ Heute trägt sie ihre Gedichte gerne selbst vor. Sie hat die kristallklare Stimme dazu. Die meisten Schauspieler seien dabei unerträglich: „Die spielen die Gedichte.“ Dass Lyriker damit nicht den Weg zum Millionenpublikum finden, geht für sie voll in Ordnung: „Man sollte anstreben, nicht in Stadien zu lesen. Wenn es so weit ist, stimmt doch was nicht.“

Text: Stefan Hochgesand

Foto:
David von Becker

Unter dem Wacholder von Nadja Küchenmeister, ?Schöffling & Co., 109 S., 18,95 Euro

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