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Nahost-Konflikt in zwei neuen Comics

Die_Mauer_CoverWährend sich Günter Grass gerade mit seinem Israel-Gedicht nicht nur ohne jedes Versmaß, sondern auch bar jeglicher politischer Ahnung den Großmahner-Ruf wohl endgültig ruiniert hat, erzählen zwei neue Comics deutlich kenntnisreicher von der „vom Wahn okkupierten Region“ (Grass).

Ein Arbeitseinsatz seiner Frau für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen verschlägt den frankokanadischen Zeichner Guy Delisle für ein Jahr nach Jerusalem. Während sie sich um medizinischen Nachschub für den Gazastreifen kümmert, versorgt er die Kinder und führt ein Comic-Tagebuch. Wie schon bei seinen früheren Chroniken aus Shenzhen, Pjöngjang und Burma erweist sich Delisle dabei als aufmerksamer, unvoreingenommener Beobachter. Mit seinen „Aufzeichnungen aus Jerusalem“ gelingt es ihm nicht nur, die politische Großwetterlage der Nahostregion anschaulich darzustellen, sondern auch die vielen kleinen Widersprüche des Alltags in Israel und den Palästinensergebieten. Er begegnet ultraorthodoxen Juden, die sich zum Purim-Fest als Araber verkleiden und bis zur Besinnungslosigkeit volllaufen lassen. Oder er trifft arabische Automechaniker, die Plastikscheiben in die Fahrzeuge jüdischer Siedler einbauen – zum Schutz vor Steinwürfen. Dabei ist das Unbehagen allgegenwärtig.  

Auf die palästinensische Perspektive dagegen beschränkt sich der junge französische Zeichner Maximilien Le Roy – er wurde 1985 geboren – mit seinem Porträt des gleichaltrigen Mahmoud Abu Srour, der im Flüchtlingslager Aida im Krämerladen seiner Eltern arbeitet. Das liest sich zwar nicht annähernd so unterhaltsam wie die Beobachtungen von Guy Delisle, aber es erinnert eindrücklich daran, wie öde und aussichtslos das ganz normale Leben für diejenigen ist, die zwischen den israelischen Checkpoints und Sperranlagen eingepfercht sind.


Text: Heiko Zwirner

„Guy Delisle: Aufzeichnungen aus Jerusalem“
Reprodukt, 336 Seiten, 29?Ђ
Maximilien le Roy: „Die Mauer – Bericht aus Palästina“
Edition Moderne 104 Seiten, 19,80?Ђ

 

DEBÜTROMAN VON OLGA GRJASNOWA: „DER RUSSE IST EINER; DER BIRKEN LIEBT“

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