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Neues Buch von Rafael Horzon: „Die weiße Nacht“

RafaelHorzonRafael Horzon hat sich mal wieder was einfallen lassen. Für „Die weiße Nacht“, zu der er demnächst in die Berghain-Kantine einlädt, hat er mit 23
Wahrsagerinnen einen Kreiseltanz einstudiert. Der Schauspieler Marc Hosemann wird zu diesem Anlass aus Horzons neuem Buch vorlesen, Horzon selbst wird danebensitzen und schweigen. Anschließend werden einige der Personen, die in seinem Buch vorkommen, Platten auflegen.  
Das Buch, das Horzon an diesem Abend vorstellen wird, trägt den schlichten Titel: „Das weiße Buch“. Vieles, was darin zu lesen ist, mag ausgedacht und unglaubwürdig erscheinen, aber es handelt sich um eine zu circa 85 Prozent wahre Geschichte. Horzon hat seine eigene Biographie als Schelmenroman neu erfunden. Zugleich literarisiert „Das
weiße Buch“ das Lebensgefühl und die Aufbruchsstimmung im Berlin der 90er-Jahre auf heitere Weise, indem es Erinnerung und Übertreibung gekonnt vermischt.

Berlin war damals eine Stadt der endlosen Möglichkeiten. Rafael Horzon hat diese Möglichkeiten so konsequent genutzt wie kaum ein anderer. Unter anderem betätigte er sich als Galerist, Möbelmogul, Wissenschaftsmäzen, Modeschöpfer, Clubbetreiber, Fassadengestalter, Lüftungsbauer und Apfelkuchenfachverkäufer. Wie das im Einzelnen
aussah, hat er nun aufgeschrieben. Als sein erzählerisches Ich ein paar Jahre nach dem Mauerfall zum Studieren in die Hauptstadt kommt, bietet sich ihm folgendes Bild: „Berlin-Mitte war damals noch ein großes Trümmerfeld. Die Bewohner hatten sich nach dem Krieg nicht damit aufgehalten, ihre zerbombten Häuser wieder aufzubauen. Sie hatten
einfach die zerbrochenen Schaufenster ihrer Läden ganz herausgeschlagen und die Öffnungen zugemauert. Dahinter verkauften sie Rinde, die Scherben ihrer Fenster und Molkepulver. Fünfundvierzig Jahre lang. Dann kamen junge Menschen aus dem Westen, besetzten die leergebliebenen Läden und Wohnungen und verkauften den anderen jungen Menschen, die nach Berlin kamen, Getränke.“

Wie viele Neuankömmlinge stürzt Horzons Held sich ins aufblühende Nachtleben zwischen Oranienburger Tor und Rosa-Luxemburg-Platz, und wie bei vielen Neuankömmlingen rückt das ursprüngliche Ziel seines Umzugs in immer weitere Ferne. „Nach einigen Monaten merkte ich, dass diese Hochschule und dieses Studium nicht für mich gemacht waren. Ich wurde immer unglücklicher. Meine Augen wurden glasig. Meine Bewegungen wurden fahrig. Ich war unterfordert. Das Studium verlief viel zu schleppend. Ich war so verzweifelt vor Langeweile, dass ich sogar wieder anfing, im Schlaf zu weinen.“
Als der Versuch, sein Geld als Paketfahrer zu verdienen, an einem demolierten Außenspiegel scheitert, nimmt der Horzon-Erzähler sein Schicksal in die Hand. Seine rastlosen Aktivitäten lassen sich wohl am ehesten als subversive Mischung aus Konzeptkunst und Kleinunternehmertum beschreiben. Mit ein paar Freunden und Zufallsbekanntschaften gründet er eine Galerie, in der er gebrauchte Küchenutensilien ausstellt und als das Werk eines öffentlichkeitsscheuen japanischen Künstlers deklariert. In seinem Manifest „Modern sein“ ruft er zwei Jahre später dazu auf, alle Museen und Galerien in die Luft zu sprengen. In der Linienstraße eröffnet er die Wissenschaftsakademie Berlin, eine Bildungseinrichtung, in der Abendkurse zu Themen wie „Der Schabrackentapir“ oder „Sprengstoffe und Sprengverfahren“ gegeben werden. „Es ist wahr“, erklärt er den Teilnehmern seiner Seminare, „diese Scheine sind tatsächlich genauso viel Wert wie die Scheine an jeder anderen Hochschule auch.“ Zwischen den Zoohandlungen und Bolle-Kneipen auf der Torstraße macht er ein Möbelgeschäft auf, von dem aus er die Berliner Boheme mit Universalregalen beliefert.
In seiner Diskothek Pelham empfängt er Gast-DJs wie den französischen Schriftsteller Frйdйric Beigbeder. Als Teil des Kollektivs Redesigndeutschland überträgt er das Dezimalsystem auf die Zeitrechnung und propagiert nach dem Motto „einfachst Lösung sein gutst Lösung“ die Ersetzung der komplizierten deutschen Grammatik durch ein stark
vereinfachtes „Rede­deutsch“. Sein Vorschlag, das rekonstruierte Stadtschloss komplett mit uniformen Platten zu verschalen, wurde vom Feuilleton dankbar aufgegriffen, und mit dem von ihm mitkonzipierten Spiritual Zentrum, einer Installation aus Neonröhren und weiß lackiertem Pressspan, die als Ort der Zusammenkunft und des Austauschs
dienen soll, hat er es vor ein paar Jahren sogar auf den tip-Titel geschafft.

Das weiße Buch“ rekapituliert Horzons vieldeutige Interventionen, die tatsächlich alle so oder zumindest so ähnlich stattgefunden haben, in einem leicht überdrehten Plauderton. Es dokumentiert so ein erstaunliches Gesamtkunstwerk, das einer
Meta-Erzählung über das produktive Zusammenwirken von individueller Kreativität und soziokulturellem Umfeld gleicht und das vor allem eines zeigt: Die Wirklichkeit ist das, was man daraus macht. Wohin das führt, verrät Horzon am Ende seines Romans: „Ich fühle mich leicht. Ich habe keine Angst. Ich bin frei.“

Rafael Horzons nächstes Projekt steht derweil schon fest: Er will eine Sach- und Fachbuchhandlung eröffnen, die nur ein einziges Produkt im Angebot hat: „Das weiße Buch“ von Rafael Horzon.  

Text: Heiko Zwirner
Foto: Markus Wächter/BLZ

Rafael Horzon: „Das weiße Buch“, Suhrkamp Verlag, 216 Seiten, 15 Ђ

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