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Neues von Paul Auster: „Sunset Park“

Paul_AusterMiles Heller entrümpelt Häuser in Florida. Es ist der Herbst 2008. Lehman Brothers ist pleite und die Krise erwischt Menschen in allen Schichten. Zum Beispiel den renommierten New Yorker Kleinverleger Morris Heller, Miles’ Vater, der seinen mittlerweile 28-jährigen Sohn schon seit sieben Jahren nicht mehr gesehen hat. Zorn und Schuldgefühle hatten Miles fortgetrieben. Seine Odyssee findet ein vorläufiges Ende, als er sich in das minderjährige Mädchen Pilar verliebt. Doch deren Schwester droht mit einer Anzeige.
So muss Miles Florida Hals über Kopf verlassen und kehrt zurück nach New York. In einem besetzten Haus in Brooklyn, Sunset Park, erwartet er sehnsüchtig die Volljährigkeit der Geliebten und nähert sich nach und nach auch innerlich seinen verlassenen Eltern wieder an. Seine Mitbewohner sind junge Intellektuelle, Studenten, Künstler, deren prekäres Leben an den New Yorker Mietpreisen zu scheitern drohte.

Paul Auster geht es in seinem neuen Roman nicht mehr um intelligente Verwirrspiele und die schicksalhafte Macht des Zufalls, sondern um die realistische Bestandsaufnahme einer um sich greifenden Krise. Eindrucksvoll lotet er die seelischen Untiefen seiner Protagonisten aus. Da ist eine Malerin, die durch pornografische Studien einen Schlüssel zu ihrem gehemmten Wesen findet. Oder Miles’ alter Freund Bing Nathan, der in einer „Klinik für kaputte Dinge“ Gegenstände aus vergangenen Zeiten repariert. Und da ist eine Kulturwissenschaftlerin, die ihre Dissertation über das amerikanische Heimkehrerdrama von 1945 „Die besten Jahre unseres Lebens“ schreibt. Den heimatlos gewordenen Kriegsteilnehmern des Films stellt Auster nun seine Protagonisten der neuen Lost Generation gegenüber.
SunsetParkSo sehr sich alle Beteiligten auch bemühen, die Heimkehr des verlorenen Sohnes glücken zu lassen, am Ende stellt Miles Heller fest, dass er keine Zukunft hat, kein Zuhause, dass selbst die Gegenwart nur aus Augenblicken besteht, aus einer Vielzahl von Gelegenheiten. Das Haus in Sunset Park wird geräumt. Die Nomaden des 21. Jahrhunderts ziehen weiter – von Job zu Job, von Stadt zu Stadt, von Krise zu Krise. Zurück bleiben ratlose Eltern in den Trümmern ihrer Träume.

Text: Ralph Gerstenberg
Foto: Beowulf Sheehan
tip-Bewertung: Lesenswert

Paul Auster: „Sunset Park“
aus dem Englischen von Werner Schmitz,
Rowohlt, 320 Seiten, 19,95 €

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