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Nichts als die Landschaft

Annie Proulx erzählt in ihrer souveränen Storysammlung „Hier hat’s mir schon immer gefallen“, was Wyoming aus den Menschen macht
 
Die Cowboys sitzen am Lagerfeuer. „ Ich war ein Jahr auf der Highschool. Bevor das Getriebe vom Pickup kaputt gegangen ist.“
Zwei Sätze: massiv wie zwei Canyons, ein Leben in nur zwei Sätzen erzählt, voller Entbehrungen, schwer, schmutzig und brutal. Die Männer in Annie Proulx Kurzgeschichte „Brokeback Mountain“ (1999) erklärten sich ihre Biografie nahezu wortlos. Beim Leser setzen sie damit ein ganzes Gedankenuniversum frei.
 
So ein Wahnsinns-Satz findet sich auch in Proulx neuer, meisterhafter Storysammlung „Hier hat’s mir schon immer gefallen.“ Diesmal ist es ein Sohn, der erzählt, dass sein Vater bei einem Autounfall auf der alten Route 30 in Wyoming starb: „Er nahm eine Abkürzung, fuhr auf den Bahngleisen, und dann kam ein Zug.“ Punkt.
 
Proulx beste Geschichten handeln von solchen Menschen, die die Natur Wyomings bezwingen wollen, Gleise bauen und dort, wo sie keinen Weg sehen, einfach einen gehen. Und dann verschwinden, wie es Proulx in einer der jetzt schon unschlagbarsten Einleitungen des Buchjahres beschreibt: „Wer das Verschwinden von Flugzeugen, Schiffen, Langstreckenschwimmern und Wasserbällen im Bermuda-Dreieck für ein einzigartiges Phänomen hält, der hat noch nie von der Red-Desert-Strecke gehört.“

wyoming
 
Proulx Figuren sind Rancher und Wanderarbeiter, deren Leben aus Satteln, Reiten, Lassowerfen, Einfangen und Zusammentreiben, Absatteln, Essen und Schlafen besteht. Männer, die sich das Kind, das ihre Frau erwartet, als Pferde-fangender Junge vorstellen können. Aber nicht als Baby. In der bewegendsten Geschichte, „Testamento“, treibt Wyoming ein Paar, sie ist Ortsansässige, er aus der Fremde, entzwei. Der Mann und die Frau trennen sich nach einem Streit, sie geht allein mit der Kletterausrüstung in die Berge. Dann bleibt sie mit ihrem Fuß zwischen zwei Felsblöcken stecken, kann sich nicht befreien, es wird Nacht, sie bereut ihre Wut auf den Mann und die Natur ängstigt sie. Die Frau setzt ihre eigene Natur ein, um sich zu helfen: Ihr Urin soll Wärme bringen. Doch „die Feuchtigkeit interessierte den Felsblock nicht, der sich von einem unbelebten Gegenstand in eine böswillige Persönlichkeit verwandelt hatte.“
 
Die Landschaft ist schön, aber sie spielt ihre eigene, dem Menschen ebenbürtige Rolle – und sie verzeiht nicht.
 
Annie Proulx, „Hier hat’s mir schon immer gefallen, Geschichten aus Wyoming 3.“ Aus dem Amerikanischen von Melanie Walz, Luchterhand Literaturverlag, 253 Seiten, 17,95 Euro.

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