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Nicole Krauss: „Das große Haus“

ullsteinEs gibt Bücher, die nehmen einen vom allerersten Satz an gefangen. So ein Sofort-Starter ist der dritte Roman der US-Autorin Nicole Krauss, die seit ihrem Welterfolg mit „Die Geschichte der Liebe“ (2005) aus dem Schatten ihres Mannes Jonathan Safran Foer herausgetreten ist, allerdings nicht. „Das große Haus“ kann einen trotzdem packen – vorausgesetzt, man lässt sich auf die eingeflochtenen Rätsel mit wachen Sinnen ein und arbeitet sich geduldig bis zur Zusammenführung der recht losen Fäden am Ende des Buches vor. Krauss verknüpft vier Teilgeschichten, die Fragmente einer großen Enthüllung sind, durch die Odyssee eines ungewöhnlichen Schreibtischs aus schwarzem Holz, auf dem ein Aufbau mit 19 Schubladen in unpraktischen Größen thront. Nach diesem Möbelstück – „ein groteskes, bedrohliches Monstrum“ – fahndet der israelische Antiquitätenhändler Georg Weisz, der das Arbeitszimmer seines 1944 in Budapest verschleppten Vaters im Heiligen Land rekonstruieren möchte. Zu den zwischenzeitlichen Besitzern gehören die New Yorker Autorin Nadia, der von der Junta in Chile umgebrachte Dichter Daniel Varsky und die deutsche Jüdin Lotte Berg, die als 17-Jährige gezwungen war, Nürnberg zu verlassen, und daraufhin in London landete.

Leicht macht es einem die 36-Jährige in ihrem 2010 für den National Book Award nominierten Werk dabei nicht. Nehmen wir nur die Erzählstimme(n): Ungeniert schlüpft Krauss in vier verschiedene Ichs, die nacheinander das Wort ergreifen, ohne einer Chronologie zu gehorchen. Sie werden außerdem zunächst nicht einmal mit Namen vorgestellt, was eine Identifikation mit den Figuren behindert.
Auf der Reise durch die Zeit, die den Leser nach New York, Frankfurt, London und Jerusalem führt, nimmt Krauss Themen auf, die sie seit ihrem Prosadebüt mit „Kommt ein Mann ins Zimmer“ (2002) umtreiben: Verlust und Erinnerung, hier jedoch noch ergänzt um Sorgen über Kinderlosigkeit und Alzheimer. Dass die Autorin großzügig Früchte ihrer beim Literaturstudium in Ox- und Stanford erworbenen Bildung einfließen lässt – sichtbar sind Anleihen bei ihren Lieblingsautoren W.G. Sebald und David Grossman sowie bei Freud –, heben die historische Schwere des Stoffs nicht gerade auf.

Text: Reinhard Helling

Foto: Ullstein Bild

tip-Bewertung: Annehmbar

Nicole Krauss: „Das große Haus“
Rowohlt, 378 Seiten, 19,95 Ђ

Buchbox!-Lesung gemeinsam mit Sarah Kuttner
Clinker Lounge in der Backfabrik, Saarbrücker Straße 36a,
Prenzlauer Berg, Sa 26.2., 20 Uhr

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