Berlin-Geschichten

Odyssee der Geister: Rudolph Herzog

Bislang hat er – wie sein Vater – Filme gedreht. In seinem ersten Kurzgeschichtenband spürt Rudolph Herzog den „Truggestalten“ Berlins nach

Rudolph Herzog für Galiani Verlag © www.david-biene.de

Die unendliche Geschichte des Flughafens Berlin-Brandenburg hat nun endlich auch ihren Niederschlag in der Literatur gefunden – passenderweise in einer Geschichte, die mit dem Motiv der Unendlichkeit spielt. Der Filmregisseur und Buchautor Rudolph Herzog erzählt in seinem Prosadebüt „Truggestalten“ von einem Mann, der in Schönefeld als Kurier gearbeitet hat – bevor er sich irgendwann ins Milieu der Obdachlosen abgesetzt hat. Weil es mit ihm eine (sehr) besondere Bewandtnis hat, wird eine junge Powerfrau auf ihn angesetzt. Damit beginnt eine großartig abstruse Odyssee, die in der Gegend des heutigen Startup-Paradieses Adlershof ihr Ende findet.

„Unglaublich, was sich dort in zehn Jahren getan hat“, hebt Rudolph Herzog die Wurzeln seiner Geschichten in der alltäglichen Beobachtung hervor. Wir haben uns im veganen Café „Charlie“ in der Oranienstraße verabredet, um über „Truggestalten“ zu sprechen. Bisher hat Herzog, Sohn des seit vielen Jahren in Kalifornien lebenden Filmemachers Werner Herzog, vor allem Dokumentarfilme für das Fernsehen gemacht und Sachbücher geschrieben. Nun also zum ersten Mal Literatur. „Ich hab das schon früher viel versucht. Jetzt aber hat sich da fundamental etwas verändert. Ich kann es nicht erklären, aber es funktioniert jetzt.“ Herzog ist, wie man so schön sagt, der Knopf aufgegangen, er hat „das Ornamentale, das meine Prosa so lange hatte, abgestreift“.

Der Titel „Truggestalten“ ist perfekt gewählt für ein Buch, in dem Berlin mit all seinen Ungleichzeitigkeiten durchlässig wird auf frühere, meist unheimliche, häufig verdrängte Aspekte der Stadtgeschichte. „Die Stadt hat sich enorm verändert, seit ich 1999 hierher gekommen bin“, sagt er. „Damals gab es noch dieses Leerstands-Berlin, es gab Lücken zum Teil wie nach dem Krieg. Berlin war nicht arm, aber sexy, sondern nur arm. Es ist schön, dass sich das verändert hat. Aber ich frage mich manchmal, ob sich die Leute so klar sind, was hier eigentlich alles schon passiert ist. Daran kann man mit Geistergeschichten am besten erinnern. Ich habe aber von Anfang an gewusst, dass ich das Genre auf den Kopf stellen muss.“

Eine frühere „Idiotenanstalt“ im Garten eines neuen Townhouses oder eine seltsam alterslose Frau, die sich auf die Hungerküche der Nachkriegsjahre spezialisiert hat – das sind so typische Motive in „Truggestalten“. Manchmal kann man hinter einer Geschichte einen Hype wie den um die Internetfirma Rocket ausnehmen, das Personal der (für Berlin) neuen Macher – auch sie in gewisser Weise Truggestalten – trifft auf die Verlorenen aus vergangenen Epochen.
Woher bekommt Herzog seine Ideen? „Es umgibt einen. Wir leben in diesem Organismus. Neulich war ich in einem Cafe in Mitte und habe dort Gespräche mitgehört, da ging es um Immobilien. Die Leute waren völlig verzweifelt. Es gibt nichts mehr. Man muss nur wach sein und gucken, was so rundherum passiert.“

Und dann muss man das richtige Vertrauen zu seinen Ideen finden. „Ich schreibe sehr, sehr schnell, darauf lege ich Wert, man soll der Geschichte den Druck ansehen, unter dem sie entstanden ist. Fehler werden dann in einem langen Prozess noch beseitigt, aber zuerst wird galvanisiert, gehärtet. Ich finde jetzt immer den Punkt, an dem ich anfangen muss, zu schrei­ben. Wenn man alles vorher durchrecherchiert, hat das oft kein Leben mehr. Aber wenn man nicht genug weiß, dann verhungert man mit einer Idee. Ich muss wissen, wann ich genug weiß, aber noch nicht alles, so dass ich selber überrascht werden kann.“

Es scheint, als hätte Rudolph Herzog sein Metier gefunden. Vielleicht aber ist auch „Truggestalten“ einfach ein weiterer Schritt von jemand, der sich gern selbst überrascht. Herzog sagt: „Die Filmrechte habe ich einfach mal behalten.“

Truggestalten von Rudolph Herzog, Galiani Berlin, 256 S., 20 €

Buchpremiere (Lesender: Ulrich Noethen): Roter Salon, Linienstr. 227, Mitte, Fr 17.2., 20 Uhr, Tickets: 8,90 €

Mehr über Cookies erfahren