Das neue Buch „Ökorassismus“ der Berliner Journalistin und Autorin Ciani-Sophia Hoeder aus Berlin analysiert die Klimakatastrophe als von mehrheitlich weißen Menschen gemacht – während die Folgen vor allem nicht-weiße Menschen betreffen. Bei der Buchpremiere in der Buchbox im Prenzlauer Berg plädiert Hoeder dafür, Strukturen radikal zu hinterfragen und die Hoffnung nicht zu verlieren.

Für die Ernsthaftigkeit des Themas,„Ökorassismus”, ist die Stimmung erstaunlich locker. 40 mehrheitlich junge Menschen sind am Abend des 16. September in der Buchbox-Filiale in der Kastanienallee versammelt, um Ciani-Sophia Hoeder, der Buchautorin, und Moderatorin Aida Baghernejad zu lauschen. Zwischen Buchpassagen und Besprechung fallen Lachen, Scherze und Anekdoten. Auch ein Quiz für das Publikum haben Hoeder und Baghernejad vorbereitet: mit Süßigkeiten als Trostpreis für alle. „Wer ist vermutlich ökorassistischer – Markus Söder oder Friedrich Merz?“, lautet eine der Fragen.
Ausbeutung nach ähnlichen Mustern
Doch was bedeutet „ökorassistisch“? „Ökorassismus ist die Verbindung von sozialer Ungleichheit und Klimakrise“, erklärt Hoeder. Das Wort hat seinen Ursprung beim US-amerikanischen Bürgerrechtler und Umweltaktivist Reverend Benjamin Chavis, welcher den Begriff des „environmental racism“ einführte.
Die Bezeichnung soll ausdrücken, dass die Ausbeutung der Natur oft nach denselben Mustern wie die Ausbeutung nicht-weißer Menschen funktioniert und die Folgen der Klimakrise besonders hart jene trifft, die am wenigsten dazu beigetragen haben: Schwarze Menschen, Native Nations und People of Color. Das Buch fasst den Klimawandel als eine „Gerechtigkeitskatastrophe“, die auf „ökorassistischen Strukturen“ basiert, welche bis in die Kolonialzeit zurückreichen und das bestehende kapitalistische System strukturieren – die Muster sind also bekannt.
Wut als Antrieb
Es ist ein Buch, das einige der großen Themen unserer Zeit angeht – und sie verbindet. Hoeder scheint ein Faible dafür zu haben: Es ist bereits ihr drittes Buch, das sich mit Klasse, Unterdrückung und gesellschaftlichen Machtverhältnissen auseinandersetzt. Ihr erstes Buch „Wut und Böse“ handelt von weiblicher Wut als Waffe gegen sexistische Unterdrückung, ihr zweites Buch „Vom Tellerwäscher zum Tellerwäscher“ benennt Armut als ein strukturelles Problem und entlarvt gesellschaftliche Chancengleichheit als einen Mythos.
Zudem gründete Hoeder 2019 das erste Online-Lifestylemagazin für Schwarze FLINTA* in Deutschland, „RosaMag“, das 2020 für den Grimme Online Award nominiert wurde. 2021 gewann Hoeder den Goldenen Blogger Award, den ältesten Social Media- und Influencer-Award Deutschlands.
„Es ist mein Style, dichte Brocken hinzuschmeißen“, lacht Hoeder und erzählt, dass sie „Ökorassismus“ vor allem mit einem Gefühl zu schreiben begonnen habe: Wut. Zwischendurch auch Traurigkeit. Aber ebenso Hoffnung. Und dem Gefühl, nicht alleine zu sein, „nicht crazy zu sein“.
„Nature Gap“ und „Grüne Gentrifizierung“
Ökorassismus zeigt sich nach Hoeder sowohl in alltäglichen Begegnungen und zwischenmenschlicher Kommunikation als auch in globalen Lieferketten und interstaatlichen Verträgen. Es habe sich der Lebensstil eines weißen Westens etabliert, der zulasten des Rests der Bevölkerung gehe. Zudem sei Natur nicht für alle gleichermaßen zugänglich, es gebe einen „Nature Gap“.
Als Beispiel führt Hoeder die Stadtplanung an, denn Studien zeigten, dass es einen Zusammenhang zwischen migrantischem Bewohner:innenanteil eines Viertels und seiner Schadstoffbelastung gäbe. Der von Hoeder angeführte Begriff der „Grünen Gentrifizierung“ versucht dieses Phänomen zu fassen und meint, dass eine ökologische Aufwertung von Stadtvierteln, beispielsweise durch ausgebaute Grünflächen, Mietensteigerung und Verdrängung zur Folge hat.
Zwischen weißen Machtzentren und ungleich verteilten Schäden
Ein weiteres von Hoeder angeführtes Beispiel ist der Rohstoffabbau in Ländern des Globalen Südens. Zwar gibt es auch in Europa einige Rohstoffvorkommen, doch findet der Abbau aufgrund europäischer Maßstäbe für Umwelt- und Arbeitsschutz nicht statt. Hoeder argumentiert, dass man die Risiken lieber in Länder des Globalen Südens verschiebe, beispielsweise in die Demokratische Republik Kongo, aus deren Süden mehr als 69 Prozent des weltweit geförderten Kobalts stammen, wie im Buch steht.
Es folge eine Ungleichverteilung aus Gewinnen, die in weiße Machtzentren gehen, und Schäden, die in Ländern des Globalen Südens, bleiben. „Neokolonialismus im neuen Gewand – alte Muster neu verpackt als Teil der globalen Wirtschaft“ fasst Hoeder in ihrem Buch zusammen.
Ökorassismus als Legitimation
Das Buch unterfüttert persönliche Einblicke und politische Erklärungen mit empirischen Belegen und Referenzen anderer Autor:innen. Doch Fakten treffen auf persönliche Erfahrungen, die wehtun. Beispielsweise beschreibt die Autorin, wie sie, nachdem ihr eine Nachbarin sagt, sie dürfe auf der Wiese hinter dem eigenen Haus nicht sein, lieber mit Freundinnen das Picknick räumt, anstatt zu riskieren, dass die Polizei aufkreuzt.
Als zu stark beschreibt Hoeder die Angst, die Ereignisse wie jenes von Ahmaud Arbery, der 2020 in Georgia beim Joggen von weißen Männern erschossen wurde, in ihr auslösen. Weil Arbery von den weißen Männern für eine Gefahr gehalten wurde.
Nach Hoeder ist nicht nur die Ausbeutung selbst das Ökorassistische, sondern die Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid Schwarzer Menschen. Sie beschreibt Ökorassismus auch als Legitimation, als ideologische Erzählung, warum manches Leid als irrelevant gilt.
Das Minimum: Welt verändern wollen
Für Hoeder, die sich selbst auf ihrer Website als „hoffnungsvolle Pessimistin“ und „optimistische Realistin“ bezeichnet, stirbt die Zuversicht trotzdem nicht. Als Baghernejad sie fragt, ob es noch Hoffnung für die Menschheit gibt, antwortet sie „Ja, auf jeden Fall“. Hauptsache, wir alle sollen die Welt verändern wollen, wenn wir an diesem Abend aus ihrer Lesung herausgehen. „Das ist doch das Mindeste, was ich tun kann.“
Baghernejad moderiert nicht nur den Abend, sie erlebte auch den Entstehungsprozess des Buches mit: Sie und Hoeder lernten sich im Rahmen des Thomas Mann Fellowship im Mai und Juni 2024 in Los Angeles kennen, als Hoeder dort anfing, für „Ökorassismus“ zu recherchieren und zu schreiben.
Die Freundschaft zwischen Hoeder und Baghernejad, ihre Herzhaftigkeit und Publikumsnähe spiegeln die durch die Erfahrungsberichte geschaffene intime und ehrliche Atmosphäre des Buches wider. Hoeder erzählt, dass es ihr wichtig war, im Buch einen Raum zur Identifikation zu öffnen und gleichzeitig sowohl auf der strukturellen als auch der persönlichen Ebene zu bleiben.
Am liebsten eine Lesung auf dem CDU-Parteitag
Als ein Besucher fragt, an welchem Ort Hoeder am liebsten aus dem Buch vorlesen würde, weil es dort notwendig wäre, muss Hoeder nicht lange überlegen: „CDU-Parteitag!“. Als zweiten Ort nennt sie den Parteitag der FDP. Wie Friedrich Merz wohl reagieren würde? Zumindest würde er beim Publikumsquiz erfahren, ob er oder Söder ökorassistischer ist. Nach Hoeders Recherche wäre die richtige Antwort, aufgrund seines Millionenvermögens und Umgang mit Privatflugzeugen: Merz.
Auch wenn an diesem Abend deutlich weniger Besucher:innen in der Buchbox Prenzlauer Berg als auf einem CDU-Parteitag versammelt sind, wäre es nicht unwahrscheinlich, dass Hoeders Buch hier mit „Ökorassismus“ mehr zum Nachdenken angeregt hat. Gegen Ausbeutung zu sein, sollte zumindest ein Grundverständnis sein, wenn man das Buch liest.
Eine weitere Autorin, die über Rassismus schreibt: Alice Haster im Interview. Gegen Rassismus bei der Polizei: Eine NGO aus Berlin unterstützt Whistleblower bei der Polizei. Wer sich mit den Spuren des Kolonialismus in Berlin auseinandersetzen will: Führungen zu Berlins Kolonialgeschichte. Sie sind in der Öffentlichkeit kaum bekannt: Wie Klimaschutzbeauftragte in den Kommunen gegen den Klimawandel kämpfen. Er rechnet mit dem Schlimmsten: Ein Gespräch mit dem Supercomputer am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Unsere Literaturtexte im Überblick findet ihr hier.

