Bücher

„Ohne Scarlett“ von Stefan Hochgesand

Stefan Hochgesand
Ziemlich erschreckend ist das, wenn man sich vor Augen hält, wie wenig aus der Schatztruhe der Weltliteratur man lesen könnte, gäbe es sie nicht: die Übersetzer*innen. Abgesehen von den zwei oder drei Sprachen, die ich wirklich lesen kann oder den zehn, die Sie beherrschen.
Ganz ehrlich: Wir Literatu­r­kritiker*innen ziehen uns zu leicht aus der Affäre, wenn wir am Ende einer Besprechung die Übersetzungsleistung eines knappen Satzes würdigen – ­dafür dass diese Leute jedes Wort auf die Wortgoldwage legen.
Machen wir uns nichts vor: Über­setzung ist Interpretation. Für ­jeden literarischen Satz gibt es hundert Übersetzungsmöglichkeiten. Dabei ist es nicht nur von Nachteil, Übersetzungen zu lesen. Wie auch gute Theaterinszenierungen einen alten Text in klarem Licht beleuchten, ihm etwas Neues abgewinnen können, so können auch Übersetzungen Bahn brechen, um uns zum Kern eines Textes zu geleiten.
Am 30. September ist Internationaler Übersetzertag. Ich möchte Danke sagen, dass es diesen Beruf gibt. Dafür verzichte ich auf die Kräuter jeder Kolumne: Twist, Pointe, Ironie. Ich meine es ehrlich: Was wäre mit Dante oder Dostojewski ohne Übersetzungen? Ich zumindest wäre ­verdammt noch mal „lost in translation“. Was ohne Scarlett ­Johansson einfach nicht sexy ist.

Mehr über Cookies erfahren