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Orhan Pamuk: „Cevdet und seine Söhne“

pamukJahrelang widerstrebte es Orhan Pamuk, sein erstes Buch „Cevdet und seine Söhne“ (1982) übersetzen zu lassen. Ein großer Gesellschaftsroman alter Schule, der den Übergang des alten Osmanischen Reiches in die kemalistische Republik Atatürks nachzeichnet. Und der die Türkei als Land zeigt, in dem trotz stetigen Wandels die Zeit auf bedrückende Weise bleiern stillzustehen scheint. Am Ende hören sogar die Uhren auf zu ticken, wie der junge Ahmet feststellt, welcher Züge Orhan Pamuks trägt, der wie er Maler werden wollte. Der Roman, reich an autobiographischen Bezügen, spannt den Bogen über drei Generationen von 1905 bis in die 70er-Jahre. Stammvater Cevdet bricht auf in eine neue Zeit, er steht als Moslem unter den jüdischen und christlichen Kaufleuten Istanbuls für den behutsamen Wandel. Mit seinem Lampenladen baut er sich ein Imperium auf. Aus Standesgründen heiratet er die Tochter des Paschas. Auch wenn die Ära des Sultans sich dem Ende neigt.

Schwerer wird das Leben seinen Kindern im zweiten Teil des opulenten Romans gemacht, der orientalische Erzähltraditionen aufnimmt. Vor allem dem Zweitgeborenen. Sieht es auch aus, als würde Refik das Wohlstandsleben des Vaters arbeitsam fortführen, so lässt er sich von den Freunden Ömer und Muhittin doch aus der Ruhe bringen, Eisenbahn­ingenieur der eine, Dichter der andere. Sie stehen für die Jugend, die voll Tatendrang loszieht und sich an ihren Idealen verschleift. Ob auch dem Maler Ahmet im dritten Teil dasselbe Schicksal droht? Mit Kunst will er die Welt revolutionieren. Orhan Pamuk schämte sich lange ein wenig für sein Debüt. Weil es sich an den europäischen Familienroman anlehne, von dem sich der Nobelpreisträger in jungen Jahren durch Manns „Buddenbrooks“ und Tolstois „Anna Karenina“ beeindrucken ließ. Auch in „Cevdet“ schielen die Protagonisten fortwährend mit einem Auge nach Europa, das der Türkei immer einen Schritt voraus ist. Aktuell ist der Roman so immer noch, wie die Diskussionen um den EU-Beitritt der Türkei belegen. Mag es angesichts der sehr konventionellen Erzählart auch mitunter erscheinen, als würde die Zeit stillstehen.

Text: Welf Grombacher

Foto: A1Pix / Your Photo Today

tip-Bewertung: Annehmbar

Orhan Pamuk: „Cevdet und seine Söhne„, Aus dem Türkischen von Gerhard Meier, Hanser, 672 Seiten, 24,90?Ђ

Buchpräsentation mit Joachim Sartorius Renaissance-Theater, Knesebeckstraße 100, Charlottenburg, Di 29.3., 20 Uhr

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