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Pete Dexters „Paperboy“

PaperboyEs ist kein Zufall, dass Pete Dexters in den USA bereits vor 17 Jahren erschienener Roman „Paperboy“ gerade jetzt auf Deutsch vorliegt. Im Frühjahr kommt nämlich Lee Daniels’ – in Cannes zwiespältig aufgenommene – Verfilmung mit Nicole Kidman, Matthew McConaughey, Zac Efron und John Cusack in unsere Kinos.
Es ist vom Liebeskind Verlag aber nicht nur Kalkül, wenn er diesen Reporter-Roman aus den Sümpfen Floridas just zum Filmstart präsentiert. Das Münchner Verlagshaus kümmert sich seit Jahren um das Werk des US-Autors, der in diesem Jahr 70 wird. Zu seinem recht schmalen Werk gehören neben Drehbüchern („Mulholland Falls“) so unterschiedliche Werke wie der 1988 mit dem National Book Award ausgezeichnete Roman „Paris Trout“, der Western „Deadwood“ oder sein Debüt „God’s Pocket“, in dem der Autor einen brutalen Angriff auf ihn verarbeitet hat, der ihn nach 15 Jahren den Journalismus an den Nägel hängen ließ.

Seine Kenntnisse des Metiers hat Dexter auch in „Paperboy“ genutzt, um sich kritisch mit den Methoden der investigativen Reportage auseinanderzusetzen. Im Mittelpunkt der Geschichte, die 1965 mit dem Mord an Sheriff Thurmond Call beginnt, stehen Ward James und sein schwarzer Kollege Yardley Archeman, die für die „Miami Times“ den Fall untersuchen. Die verrückte Charlotte Bless, die sich zwanghaft zu Mördern hingezogen fühlt, hat dem Reporter-Team die Story des Jahres versprochen. Sie glaubt, Beweise zu haben, dass der zwielichtige Hillary Van Wetter als vermeintlicher Täter unschuldig in der Todeszelle sitzt.

Mit kurzen, harten Dialogen und schnellen Szenenwechseln treibt Dexter die Story routiniert voran und zieht nach und nach weitere Figuren ins Geschehen: wie Wards kleinen Bruder Jack, der als Fahrer der Reporter (und Erzähler) fungiert, oder ihren Vater, den alten Verleger der liberalen „Moat County Tribune“. Und der Pulitzerpreis für die Reporter bringt eine unerwartete Wendung.     

Text: Reinhard Helling
tip-Bewertung: Lesenswert

Pete Dexter: „Paperboy“
aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben, ­Liebeskind, 319 Seiten, 19,80 Ђ

 

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