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Peter Buwalda: „Bonita Avenue“

BonitaAvenueWie glühende Lava aus einem Vulkan muss Peter Buwalda sein Roman „Bonita Avenue“ aus dem Computer geflossen sein: heiß, unbändig, stetig dahinfließend, dabei seinen Weg ständig ändernd. Um den Strom zu kanalisieren, hat sich der 1971 in Brüssel geborene, heute in Haarlem lebende Journalist und Verlagslektor für drei Jahre eingeschlossen. „Ich habe mir selbst die Daumenschrauben angelegt. Ich wusste: Wenn ich so ein Buch schreibe, dann muss es gut sein, kein Mittelmaß. Und man darf nie, nie aufgeben“, so der Literatur-Neuling in einem Interview. Die Strenge hat sich gelohnt, denn alles an seinem dicken Debüt verheißt eine literarische Sensation. Die Geschichte, die rund um die Stadt Enschede angesiedelt ist, wo im Frühjahr 2000 die Explosion einer Feuerwerksfabrik ein ganzes Viertel zerstörte, aber auch nach Kalifornien in die titelgebende Bonita Avenue, nach Japan und Korsika führt, brachte dem Autor ein Dutzend Literaturpreis-Nominierungen, Übersetzungen in viele Länder sowie Einladungen zu Lesungen in aller Welt ein.

Zeitlich mehrfach gebrochen und mit jedem Kapitel die Erzählperspektive zwischen den drei Hauptfiguren wechselnd, begleitet Buwalda das schmerzhafte Auseinanderbrechen einer dieser familiären Konstruktionen, für die das Wort Patchworkfamilie erfunden wurde. Im Mittelpunkt aber steht der Mittfünfziger Siem Sigerius, „der größte niederländische Mathematiker seit Luitzen Brouwer“, Rector magnificus der Universität Tubantia, Judomeister und Jazzfan. In seine hübsche Stieftochter Joni, eine quirlige Unternehmerin, verliebt sich der Fotograf Aaron Bever, den Siem wie einen Sohn annimmt. Grund für die Zuneigung ist sein miss­ratener leiblicher Sohn Wilbert aus erster Ehe, der einen brutalen Mord begangen hat. Doch dann realisiert das Liebespaar Joni und Aaron eine Geschäftsidee, die an das scheinbare Patchwork-Glück eine Zündschnur legt: die Millionen abwerfende Porno-Website lindaloveslace.com – mit Joni als Akteurin. „Bonita Avenue“ ist nicht weniger als ein phänomenales Meisterwerk, traumwandlerisch sicher formuliert, funkelnd-intelligent – und von explosiver Wirkung.  

Text: Reinhard Helling
tip-Bewertung: herausragend

Peter Buwalda: „Bonita Avenue“
aus dem Niederländischen von Gregor Seferens, Rowohlt,
639 Seiten, 24,95 Ђ

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