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Peter Henning: „Ein deutscher Sommer“

PeterHenning_ein_deutscher_Sommer„Scheiße!“, schreit Rösner, „Du Arsch!“, schließlich: „Money, Money, Money!“ Und während sich der Schalterangestellte wie geplant verhält, die Kohle rüberrückt und die Rechnung vom großen Coup aufzugehen scheint, flucht Rösner noch einmal, man könnte sagen, außerplanmäßig: „Scheiße, die Bullen!“ Gladbeck war ein Desaster. Vom Anfang bis zum Ende. Das Werk zweier Dilettanten: Hans-Jürgen Rösner (Jahrgang 1957) und Dieter Degowski (Jahrgang 1956). Dass sich ihnen weitere Dilettanten hinzugesellen würden aus Kreisen, die eigentlich für Einsätze dieser Art hätten gewappnet sein sollen, konnte keiner ahnen.
Die Geschichte des Geiseldramas, die sich im August 1988 eigentlich nur über drei Tage hinzog, ist lang. Lang an Missverständnissen und Fehlgriffen, lang an Ungeheuerlichkeiten. Ein Stoff, der nachbrennt bis in unsere Tage. Und ein Stoff, der eigentlich keinen Dramaturgen braucht.

Trotzdem hat sich einer jetzt ans Werk gemacht: Peter Henning. Und er macht es gut. Mehrdimensional. Aus der Mitte der Ereignisse zum einen. Zugleich vom Rande her, indem er den beteiligten Polizisten, Journalisten und sonstigen „Mittätern“ ein eigenes Gesicht gibt.
Und Henning vergisst nicht, entscheidende Fragen zu stellen: Kann eine Flucht, bei der aufgrund der Medienpräsenz ganz Deutschland mitfährt, überhaupt gelingen? Und wie lange hält man ein Kidnapping ohne Schlaf aus? Muss einem da nicht zwangsläufig irgendwann die Sicherung durchbrennen? Hätte der Zugriff des Sondereinsatzkommandos nicht schon aus diesen Erwägungen rasch erfolgen müssen?

Am Ende gab es drei Tote und jede Menge Opfer. Darunter der fünfzehnjährige Italiener Emanuele de Giorgi, dem Degowski quasi vor laufenden Kameras eine Kugel in den Kopf jagt. Darunter die Geisel Silke Bischoff, die beim stümperhaften finalen Zugriff des SEK auf der Autobahn vermutlich durch einen Schuss Rösners stirbt.
„Ein deutscher Sommer“ ist der ebenso spannende wie niederschmetternde Roman eines deutschen Traumas. Und wenn etwas an diesem Roman zu beklagen ist, dann nur dies: dass auf dem Büchermarkt auch traurige Anlässe dem Jubiläumsfaktor unterliegen.  

Text: Andreas Burkhardt
tip-Bewertung: Lesenswert

Peter Henning: „Ein deutscher Sommer“ Aufbau Verlag, 576 Seiten, 22,99 Ђ

 

 

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