• Kultur
  • Bücher
  • Peter Richter über sein Buch „Über das Trinken“

Bücher

Peter Richter über sein Buch „Über das Trinken“

Peter_Richtertip: Herr Richter, wieso betrachten Sie Weizenbiertrinker als Störenfriede der Trinkkultur??

Peter Richter: Biergarten, erster schöner Tag, man hat stechenden Bierdurst. Dann ist der, der vor einem ansteht, immer der, der vier Hefeweizen bestellt. Viermal Flasche auf, langsam reinlaufen lassen, Flasche hinlegen, Flasche drehen. Das dauert, man hat Durst, es ist furchtbar. Ich sage: Nein zu Hefeweizen! Bier ist ein Durstlöscher, kein Geduldsspiel.

tip: In Ihrem Buch „Über das Trinken“ feiern Sie den Rausch.

Richter: Es ist kein Plädoyer für das eine Glas, das schon nichts schaden wird. Sondern für das eine Glas zuviel. Das, das gut für die Stimmung ist, die Zunge löst. Wo man aus sich herausgeht. Ich empfehle nicht, sich besinnungslos wegzusaufen, sondern mit Bewusstsein aus sich herauszugehen.

tip: Sind die Grenzen nicht, äh, fließend?

Richter: Ich plädiere dafür, das Trinken als Sport zu betreiben. Wie Surfen: auf einer Welle von innerer Heiterkeit möglichst lange draufbleiben, ohne abzustürzen. Das ist das Ideal.

tip: Wie macht man das?

Richter: Durch Trinkmanagement und Übung. Um das richtige Maß kennenzulernen,  muss man aber immer wieder auch mal drüber gelegen haben.

tip: Wie ist es bei Ihnen: Bier oder Wein?

Richter: Beides. Im Fußballstadion habe ich noch nie Wein getrunken, zur Auster noch nie Bier.  

tip: Whiskey oder Magenbitter??

Richter: Whiskey. Magenbitter ist der Rentner aus dem Ruhrgebiet. Eine mir fremde Welt.

tip: Biergarten oder Pub Crawl??

Richter: Biergarten. Ich hasse Pub Crawls. In meinem Nachbarhaus ist eine Absinth-Kneipe, der Höhepunkt aller Pub Crawls. Ich kann mittlerweile Burgherren verstehen, die früher siedendes Pech auf Belagerer gekippt haben.

tip: Apropos Historie. Sie zitieren den Münchener Evolutionsbiologen Josef Reichholf. Nach ihm ist der Mensch auch wegen Alkohol sesshaft geworden.

Peter_RichterRichter: Seine These hat mir so gut gefallen, dass ich sie komplett kritiklos übernommen habe. Der Mensch wollte nicht unbedingt Ackerbau betreiben, um zu essen, sondern um zu trinken. Ackerbau macht ja nicht mehr Spaß als Jagen. Reichholfs These: Der Mensch wurde so, weil er vergorene Ackerfrüchte gekostet hat und Rausch erlebte. Den hat man natürlich, wie alles Unbekannte, religiös gedeutet.

tip: In der Bibel wird sowieso auch derbe gebechert.?

Richter: Genau. Man schafft sich eine Arbeitswoche voller Entbehrungen, um den Sonntag zum Feiern zu haben. Darauf gründet unsere Zivilisation.  

tip: Worüber reden wir nun: Genuss- oder Wirkungstrinken?

Richter: Meine These ist, dass es immer um Wirkungstrinken geht. Selbst bei Leuten, die denken, dass ihr 100-Euro-Bordeaux eine höhere Form von Genuss ist.

tip: Oder wie das bei Jugendlichen heißt: Komasaufen.

Richter: In diesem Alter geht es um den Rausch. Später wird erst sublimiert. Man kann dann ja auch immer weniger ab. Dann ist der Geschmacksgenuss die Entschädigung dafür, dass man gar nicht mehr so reinhauen kann, weil man drei Wochen krank im Bett liegen würde. Während die Jugendlichen am nächsten Morgen aufstehen, als wäre nichts gewesen. Die hatten sogar noch Sex. Das ist das, was die Älteren dann besonders ärgert.  

tip: Gerade kam wieder eine 14-Jährige mit 1,8 Promille ins Krankenhaus.

Richter: Ist schrecklich, darf nicht passieren, klar. Man kann allerdings auch fragen: Wo sind die, die mit den Jungen trinken und sie irgendwann aufhalten? Aber vor 30 Jahren wurde über 13-jährige Heroin-Tote geredet. Das macht nichts besser. Nur: Sich jetzt über das Komasaufen aufzuregen heißt, dass andere Probleme nicht mehr ganz so drängend sind.

tip: Neulich bei „Maischberger“: Sie zwischen einer Ex-Alkoholikerin, einem Suchtforscher, Gunter Gabriel. Sie wirkten ziemlich verloren.

Richter: Ich komme weder aus einer Familie mit Alkoholproblemen, noch habe ich sie selbst. Dann sitze ich da Extremfällen gegenüber. Die Alkohol-Diskussion wird immer aus einer Position des Katers heraus geführt. Es ist der trockene Alkoholiker, der am missionarischsten vor dem Alkohol warnt.  

tip: Ist bei den Verboten Trinken das neue Rauchen?

Richter: Ich könnte mir vorstellen – obwohl ich es mir gar nicht vorstellen will –, dass sich irgendwann Leute beim Ober beschweren, weil am Nachbartisch einer ein Bier trinkt. In aller Öffentlichkeit! Obwohl Kinder im Raum sind! Dann werden die eines Tages ihr Recht auch durchsetzen.

tip: Und bis dahin hoch die Tassen, solange es noch eine Biergartensaison gibt??

Richter: Wenn im Prater die Sonnenstrahlen durch ein Kastanienblätterdach ins Bierglas hineinfallen, das ist doch ein Traum. Von da aus ist es extrem weit weg bis zum Sternburg-Pils-Getrinke vor der Kaufhalle von ernsthaft kranken Alkoholikern, die definitiv Hilfe brauchen.

tip: In der Victoria Bar, wo Sie jetzt lesen, gibt es auch ein Hildegard-Knef-Gedenk-Gedeck.
Was ist das?

Richter: Ein kleines Wasserglas Wodka und ein kleines Wodkaglas Champagner auf einem Silbertablett. Auf ex der Wodka, dann der Champagner. Macht gleichzeitig wach und noch betrunkener. Eine sehr kluge Erfindung.

Interview: Erik Heier

Foto: Harry Schnittger

Peter Richter: „Über das Trinken“,  Goldmann, 224 Seiten, 12,99 Ђ

Lesung
Victoria Bar, Potsdamer Straße 102, Tiergarten, So 17.4., 18.30 Uhr

Mehr über Cookies erfahren