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Peter Wawerzineks neuer Roman „Schluckspecht“

Wawerzinek_Peter_lesend(c)Lisa-KAiserIrgendwann, der kleine Mann hatte unter einer gelben Stehlampe ohne Innehalten in die gebannte Stille des Kinosaals hinein ­gelesen, seine hakenschlagende, weltkluge, seelenentblößende Prosa verschlug einem oft geradezu die Sprache, ihm selbst übrigens auch, und sein Bariton wand sich unter Kratzern, ramponiert von einer hartnäckigen Grippe – irgendwann also blickte der Mann im Lampenschein, Peter Wawerzinek, auf: „Jetzt müsste man mal nach der Uhrzeit fragen.“ Eine Frau rief: „Zweieinhalb Stunden!“

Wawerzinek brummte: „Gut, dann lese ich weiter.“ Er neigte sich neuerlich den Seiten vor ihm zu. Schaute wieder hoch. Sah plötzlich irritiert aus. „Zweieinhalb Stunden?“

Stunden, in denen er nicht ein Mal das Glas auf dem Tisch angerührt hatte. Und das bei einem Text, der vom Trinken kündet. Vom Rausch. Von Kneipen. Von Abstürzen. Vor allem: vom ihm, Peter Wawerzinek, der im Herbst sein 60. Jahr vollendet. Angesichts des gerade Gehörten fragte man sich, wie er das bloß geschafft hat. Das Überleben.

Es war ein Freitagabend im späten Januar, der Galiani-Verlag hatte ins Kino Krokodil in Prenzlauer Berg geladen. Peter Wawerzinek würde aus seinem noch unveröffentlichten neuen Roman „Schluckspecht“ lesen, der Argon-Verlag daraus ein Hörbuch machen. Hinterher gab es Wodka. Kleine Gläser.

Wenn man ihm gegenübersitzt, zwei Wochen später in den Galiani-Verlagsräumen ist das der Fall, fällt es nicht schwer, sich den Mann mit dem Antlitz voller Lebenskerben im gehobenen Promillebereich in einer der früheren Kneipen in Prenzlauer Berg vorzustellen, wohin er nach zehn Jahren Abstand erst vor drei Monaten zurückgezogen ist.

Kneipen, von denen es, anders als man vom bevölkerungsausgetauschten Bezirk glauben mag, tatsächlich noch einige gibt. Wo Wawerzinek es in den 90er-Jahren schon mal binnen einer Woche auf sieben Kneipenverbote brachte, weil er – ein Bier ergab stets das nächste – stritt, beleidigte, tobte, rausflog. Im „Schluckspecht“-Anhang dankt er zehn Kneipen, in Berlin zum Beispiel dem Fengler oder dem Pieper, wo sie ihn auch „im Hochsuff“ nachts noch auf drei Biere rein­ließen. Und hinterher sogar ein Taxi riefen.

Fünf Jahre Therapie brauchte es, dann konnte er zweierlei wieder. Erstens: bei drei Gin Tonic in der Kneipe Schluss machen. Und zweitens: zurückkehren nach Berlin, „in die früheren Strukturen, ohne besoffen zu sein“. „Wenn ich heute zu Papenfuß“, – Bert Papenfuß-Gorek, trinkfeste Literatenlegende des Prenzlauer Berg, lange Jahre dann Kaffee-Burger-Betreiber –, „in die Rumbalotte komme, sitzen dieselben Leute da immer noch wie früher am Tresen, reden über dieselben Themen“, sagt Wawerzinek, einen Kaffee vor sich. „Ich glaube, wenn die schweigen, ist sogar das Schweigen dasselbe wie damals.“ Das ist übrigens einer dieser Wawerzinek-Treffersätze, wie geschaffen für letzte Weisheiten oder noch besser einen Songtext – er wäre auch gerne Sänger ge­worden, sagt er –, von denen es in seinen Büchern sehr viele gibt. Sehr gute vor allem.

Zum Beispiel, wenn der Icherzähler in „Schluckspecht“, das von den Schauspielereltern weggegebene Kind, im Internat – fernab von Tante Luci und Onkelonkel, die ihn aufziehen in einem Dorf mit sterbender Werft – im Most den Rausch entdeckt: „Meine schwarze Johanna und ich sind nicht von dieser Welt. […] Wir trinken uns gegenseitig. Und vertragen uns nicht.“

Es ist kein Buch, das das Zechen ansich verteufelt. Doch den eskalierenden Rausch darin kann sich kein Mensch schönsaufen. „Schluckspecht“ ist ähnlich autobiografisch grundiert wie „Rabenliebe“, sein als Auszug mit dem Klagenfurter Bachmannpreis geehrter, dann für den Deutschen Buchpreis nominierter Roman von 2010, mit dem Wawerzinek – als zweijähriges Kind von der gen Westen abgehauenen Mutter gemeinsam mit der Schwester in der Rostocker Wohnung zurückgelassen – das eine große Trauma seines Lebens niederschrieb: die Mutterlosigkeit, Heime, Pflegefamilien.

Nun also das andere Trauma: Alkohol.

Wenn man so will, erzählt „Schluckspecht“, wie ihm „Rabenliebe“ überhaupt möglich wurde, das ihn vor dreieinhalb Jahren aus dem Nichts zurückbrachte, aus der tiefstmöglichen Versenkung. Dort, wo viele ihn, der einst in der Literaturszene des Vorwende-Prenzlauer-Berg den lauten, in seinem ihm dort erbarmungslos attestierten Verlierertum fast anrührenden Außenseiter „Schappi“ gab, auf immer verloren wähnten.
Schon 1991, da hatte Wawerzinek bei seinem ersten Bachmannpreis-Vortrag in Klagenfurt beachtlich betrunken einen denkwürdigen Auftritt hingezimmert (inklusive späterstündlicher „Oh, Klagenfurz“-Gesangseinlage), titelte der „Spiegel“ über ihn: „Flaneur in der Sackgasse“.

Literaten im Suff, das ist natürlich ein viel zu blödes Klischee, um nicht wahr zu sein. Wawerzinek erzählt von seiner Begeisterung, als er Adolf Endler kennenlernte, „wie der mit einem Netz daherkam, dort ein Manuskript, da zwei Weinflaschen“. Oder wie Harry Rowohlt Lesungen eben so lange durchzog, bis die Whiskyflasche leer war.

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Wenn andere ein Buch rausbrachten, soff sich Wawerzinek den Neid weg. Einmal, die Szene ist auch im Buch, setzte er sich volltrunken ins Auto eines Freundes, wollte irgendwo gegenknallen, alles beenden, ein für alle Mal. Er schaffte es nur bis in die nächste Leitplanke. Krach, Staub, die Ernüchterung. Und ihm dämmerte, wie er erzählt: „Du musst wegkommen von diesem Suchtsaufen. Sonst springst du irgendwo noch runter.“

Als er 2003 in Wewelswerth an der geliebten Küste, ein dreimonatiges Stipendium hatte ihn in die Villa Grassimo gebracht, sich auf der anderen Straßenseite die Trinkerheilstätte Eulenhof ansehen wollte, kam ihm deren Leiter entgegen. Der hatte schon von ihm gehört. Wawerzinek amüsiert sich immer noch über den ersten, „idiotisch an­mutenden Satz“ des Gesprächs: „Gehen wir erst zu dir oder zu mir?“ Gerd Gedig hieß der Leiter, der es privat unternahm, Wawerzineks Trinken wieder ein Maß zu geben. Er hatte ja noch diesen Mutter-Stoff in sich. Die letzte Chance, es allen zu zeigen. Auch sich selbst. Dass er es doch draufhatte.

Was braucht es nun noch zur möglichen Buchtrilogie? „Liebe“, sagt Wawerzinek. „Sex auch.“ Das fasse er jetzt ins Auge. „So ein richtiges Skandalbuch.“ Ja, nun. Der Titel müsste dann wahrscheinlich wieder auf einen Vogel anspielen, oder? „Vom Raben zum Specht“, nickt er aufgeräumt. „Das Nächste wird dann bestimmt der Tölpel sein.“ Dabei lacht Peter Wawerzinek derart auf, dass man nicht umhinkommt zu denken: Der meint das womöglich ernst.

Text: Erik Heier

Foto: Lisa Kiaser

Peter Wawerzinek: „Schluckspecht“ Galiani, 340 Seiten, 19,99 Euro (ab 8.3.)

Wawerzinek_Schluckspecht_druckf__higGroßes Schluckspecht-Premieren-Spektakel Peter Wawerzinek liest aus seinem Buch „Schluckspecht“, seine Gäste haben auch zum Trinken etwas kundzutun: Thilo Bock spricht über Bockbier und singt. Die Malerin Mira Plikat stellt Portraits ihrer Nachbarn aus dem Dortmunder Nordkiez aus. Günter Zint hängt schmutzige Fotos auf die Wäscheleine. Jo „Zappa“ Fischer spielt Gitarre, Peter Wawerzinek singt dazu Trinklieder. Karsten Krampitz erklärt die „Trinkerklappe“. OL führt eine Diashow zum Thema vor. Florian Günther dichtet Kneipenpoesie. Roter Salon, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte, Mo 10.3.,20 Uhr 

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