Bücher

Philip Roth: „Nemesis“

ullsteinNun wird’s langsam eng. Will man Philip Roth, den seit Jahren für den Literaturnobelpreis gehandelten US-Autor, kurz mal mit seinen wichtigsten Büchern vorstellen, muss man inzwischen ein halbes Dutzend Titel aufrufen. Anderenfalls würde man seinem so vielseitigen wie umfangreichen Werk nicht gerecht, das neben dem Thema Sex und dessen Darstellung in der Literatur immer wieder die Schwierigkeit behandelt, als Jude in Amerika zu leben. Zu nennen sind also der furiose Auftakt mit „Portnoys Beschwerden“, gefolgt von den Zuckerman-Romanen. Noch immer unterschätzt: „The Great­ American Novel“. Schließlich das Spätwerk: „Empörung“, „Die Demütigung“. Verlässlich wie Woody Allen, sein Bruder im Geiste, der jedes Jahr einen Film abliefert, vollendet Roth regelmäßig ein neues Buch. Nummer 31, „Nemesis“, ist benannt nach der griechischen Göttin des gerechten Zorns. Der Roman führt mal wieder nach Weequahic, ins jüdische Viertel von Newark, in dem der 77-Jährige aufwuchs. Dort grassiert 1944 die Poliomyelitis, kurz Polio. An den Slogan „Schluckimpfung ist süß — Kinderlähmung ist grausam“, mit dem unsereins in den 60er-Jahren der Löffel in den Mund geschoben wurde, war noch nicht zu denken — ein Impfstoff fehlte. Entsprechend groß ist die Angst vor der tückischen Krankheit, deren prominentestes Opfer US-Präsident Franklin D. Roosevelt wurde.

Während in Europa der Krieg in die letzte Phase geht, hat Eugene „Bucky“ Cantor, der kurzsichtige, vom Militärdienst befreite Lehrer, die Ferienaufsicht über den Sportplatz. Als einer seiner Schüler in der Sommerhitze Opfer der Epidemie wird, gerät der 23-jährige Sportlehrer in eine Sinnkrise.­ Folgt er seinem Gewissen, bleibt er in der Stadt und versucht, seine jüdischen Jungs vor der Krankheit zu bewahren. Oder darf er ins Ferienlager Indian Hill aufs Land fahren, wozu ihn seine Beinahe-Verlobte und sein Trieb zu überreden versuchen? Dort könnte er — in Sicherheit vor dem Virus — die Freibadaufsicht übernehmen und mit der Kollegin Marcia Steinberg intim werden. Gewohnt souverän und obendrein süchtig machend, spitzt Philip Roth moralische Fragen auf hohem sprachlichen Niveau zu, die jeden betreffen. Es gibt nur wenige, die eine derart pochende Prosa schreiben können.

Text: Reinhard Helling

Foto: Ullstein Bild

tip-Bewertung: Herausragend

Philip Roth: „Nemesis“, Hanser, 221 Seiten, 18,90 Ђ

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