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Philippe Djian: 100 zu 1

100 zu 1Er war einer der besten, einer der eigensinnigsten Schriftsteller überhaupt. Heute aber hechelt Philippe Djian, 59, als feist gewordener, zum Schwülstigen neigender Franzose mit verzweifelten, kontextfreien Hardcoredarstellungen („Schwarze Tage, weiße Nächte“, „Sirenen“) jüngeren Landsleuten wie Michel Houellebecq hinterher, die, was Djian einfach nicht mehr kann, mit erschreckender Mitleidlosigkeit beschreiben, wie Versager an der Verwirklichung ihrer Sexfantasien scheitern.

Dabei war Djian in den Achtzigern eine ganz heiße Nummer. Und das schon vor Beginn seiner Karriere, wie die jetzt auf Deutsch erschienene Geschichtensammlung 100 zu 1 beweist: zwölf 1981 in Frankreich erstveröffentlichte Storys, die Djian angeblich während seiner Arbeit an der Autobahnmautstelle geschrieben hat.

Bereits die erste Geschichte, „Die alten Kameraden“, schildert jene sympathischen Wahrnehmungsstörungen zweier Liebender, die Djian so unglaublich schön beschreiben konnte: Weil die Stadt so feindlich und eng
ist, gehen sie in die Natur, treiben sich dort mit ihrer Liebe gegenseitig in den Wahnsinn (und gehen dafür auch über Leichen). Lebensgefahr und Klapse inklusive, sodass „Die alten Kameraden“ bereits eine Vorarbeit zu Djians Klassiker „37,2° le matin“ (deutsch: „Betty Blue“) darstellt. „Das war ein feines Leben, ein leichtes Leben, nur Gutes auf dem Programm. Fliegen, vögeln, essen, schlafen, ich kenne welche, die was anderes suchen, Typen, die in ihren Kopf verliebt sind, die sich in ihrem Weltbild verheddern, tschüs Jungs, in mir ist kein Hass mehr“. Nur wer seine Gefühle ohne nachzudenken aufschreibt, kriegt solche Sätze hin. Davon gibt es heute, auch bei Djian, viel zu wenige.

Philippe Djian „100 zu 1“,
Diogenes,
225 Seiten, 8,90 Euro

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