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Pola Kinski: „Kindermund“

Kindermund_PolaKinskiDass der Schauspieler Klaus Kinski ein schwieriger Zeitgenosse war, wissen wir nicht zuletzt von Werner Herzog. Das Buch, mit dem seine ältere Tochter Pola jetzt nicht nur die Geschichte ihrer eigenen Jugend, sondern auch der Übeltaten ihres Vaters schreibt, ist nun auf jeden Fall dazu angetan, seinen Nachruhm massiv zu beschädigen. Denn was hier auch gerade durch ein „Stern“-Interview vorab Schlagzeilen machte, ist eine einzige, leidenschaftliche Anklage gegen den 1991 verstorbenen Vater. Es geht um Folter in vielen Variationen: feuchte Küsse, gierige Blicke, Vergewaltigung, Schuhfetischismus. Und die Behinderung eines eigenständigen Lebens, die dazu führt, dass Pola ihren Freund mit ihrem Vater „betrügen muss“.

„Babbo“ nennt sie ihn anfangs, da ist sie noch ein kleines Kind, das zwischen der in München lebenden Mutter und dem weltenbummelnden Vater hin- und hergerissen ist. Weil die Mutter sie aus dem Glück mit ihrem neuen Freund ausschließt, bleibt Pola auf eine hilflose Weise emotional an den Vater gebunden. Das Missbrauchsthema durchwirkt das ganze Buch, das in einem Backfisch-Präsens geschrieben ist, dessen Tonfall die Hilflosigkeit des unmündigen Kindes evozieren soll. Ob das literarische Strategie oder traumatische Regression ist, bleibt ungewiss, lässt „Kindermund“ aber als prekäres Dokument erscheinen, als (zu?) ungeschützte Selbstoffenbarung.    

Text: Bert Rebhandl
tip-Bewertung: Zwiespältig

Pola Kinski: „Kindermund“
Insel Verlag, 267 Seiten, 19,95 Ђ

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