Kommentar

„Preislogik“ von Erik Heier

Ein Österreicher gewinnt also den Deutschen Buchpreis mit einem Buch, das „Die Hauptstadt“ heißt und trotzdem nicht in Berlin spielt.

Erik Heier

Es ist ja immer leicht, Preisen hinterherzuorakeln, den Sieger hätte man sich ja gleich denken können. Aber wenn man der Buchpreis-Jury jenen Willen zum Statement attestieren möchte, den sie von sich weist, ist Robert Menasses immens recherchierte Brüsseler EU-Bürokratie-Groteske „Die Hauptstadt“ eine logische Entscheidung. Eine der vielen Unbegreiflichkeiten im Bundestagswahlkampf war es ja, dass mit Martin Schulz ausgerechnet ein langjähriger sozialdemokratischer EU-Parlamentspräsident das Europa-Drama links liegen ließ. Danke, Robert Menasse! Und vielleicht dauerte es den Juroren beim anderen, zum wiederholten Mal umsonst hochgehandelten Favoriten Thomas Lehr und seinem Intelligenzklopper „Schlafende Sonne“ auch einfach zu viele absatzfreie, schwer verständliche Seiten bis zur ersten Sexszene. Aber Lehr bleiben ja noch zwei weitere Teile seiner Romantrilogie Zeit, nicht ewig als literarisches Bayer Vizekusen herzuhalten. Und Marion Poschmann fuhr zwar letztlich ohne Deutschen Buchpreis zurück aus Frankfurt nach Berlin, kann sich hier aber auf den Berliner Literaturpreis 2018 freuen. Nur den neuen Literaturnobelpreisträger hätte sich, wie jedes Jahr, wieder keiner vorher denken können. Dafür darf man ziemlich sicher sein, dass Kazuo Ishiguro jetzt nicht wie sein Vorgänger die Diva mimt. Obwohl: Der britische Japaner ist auch ein Fan von Bob Dylan.

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