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Psychos: 2 Bücher über Psychopathen

Psychopathen_KevinDuttenPatrick Bateman trägt Maßanzüge, arbeitet als Investmentbanker in Downtown, Manhattan und weidet in seiner Freizeit Frauen aus. Dem amerikanischen Bestseller-Autor Bret Easton Ellis gelang 1991 nicht nur eine glänzende Satire auf den ungezügelten Turbokapitalismus, die mit Christian Bale in der Bateman-Rolle 2000 verfilmt wurde (Foto). Nebenbei entwarf Ellis auch den Prototypen des neuen Psychopathen. Galten vorher jene als Versager, die mittels Gewalt Machtfantasien ausüben, schwenkte die Forschung in den letzten 20 Jahren um.

Der britische Psychologe Kevin Dutton suggeriert in seinem Werk „Psychopathen“ gar, dass extreme Verhaltensauffälligkeit eher nützlich sei. Ausgehend von der Definition eines Psychopathen, wie sie der kanadische Kriminalpsychologe Robert D. Hare entwickelte, illustriert der Oxford-Professor in Fallbeispielen, wie Risikobereitschaft, schnelle Entscheidungsfähigkeit und Drahtseilnerven nicht nur eine kriminelle Karriere beflügelten, sondern auch bei Chirurgen, Feuerwehrmännern oder Elitesoldaten unerlässlich seien. Er formuliert daraus die These, dass die Eigenschaften eines Psychopathen einen evolutionären Vorteil bedeuteten, der sich nicht nur für Individuen, sondern auch für Gesellschaften auszahle. Einer müsse ja die Drecksarbeit machen.

WerhatAngstvormboesenMannDass abnorme Persönlichkeiten weitaus häufiger als angenommen vorkommen, glaubt auch Borwin Bandelow, Professor für Neurologie in Göttingen. Den Begriff des Psychopathen vermeidend, untersucht Bandelow in seinem Buch „Wer hat Angst vorm bösen Mann?“ dissoziale Persönlichkeitsstörungen. Was haben Serienkiller, Menschen mit Autoaggressionen und Anorexien gemeinsam? Die Antwort könnte bahnbrechend sein: eine Störung des endogenen Opiatsystems. Das bedeutet, dass nicht ausreichend Endorphine im Körper produziert werden. Ex­treme Erfahrungen, Drogen sowie Gewalt gegen sich und andere kurbeln hingegen die Produktion an. Diese Mischung erinnert wiederum an Pat­rick Bateman und seinen exzessiven Lebensstil. So wie Bateman Katharsis und Ausweg am Ende des Buches verneint, bezweifelt auch Bandelow, dass Persönlichkeitsstörungen im Berufsleben hilfreich seien. Im Gegenteil: Das Gefängnis sei dann meist vorprogrammiert.    

Text: Ronald Klein
tip-Bewertung: Beide lesenswert

Kevin Dutton: „Psychopathen. Was man von Heiligen, Anwälten und Serienmördern lernen kann“
Aus dem Englischen von Ursula Pesch, dtv, 320 Seiten, 14,90Ђ

Borwin Bandelow: „Wer hat Angst vorm bösen Mann?“
Rowohlt, 352 Seiten, 19,95 Ђ

 

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