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Radioaktive Geldwäsche

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9/11-Paranoia, Cyberspace und Krieg gegen den Terror – William Gibsons Thriller „Quellcode“

William Gibson war der populärste Sci-Fi-Autor der Neunziger, seine Schauplätze die von ihm erdachte künstliche Realität des Cyberspace: ein virtuell begehbarer Raum, der über Monitorhelme halluziniert wird und verlockender ist als die Wirklichkeit. Bis heute ist Cyberspace ein Wunschtraum, der in der Popkultur weiterlebt. Umso sympathischer, dass auch Gibson daran festhält und gleich zu Beginn von „Quellcode“ nicht nur seine Figuren schwelgen lässt („Wisst ihr noch, wie wir alle ganz heiss darauf waren?“), sondern auch einer verstorbenen Ikone der Neunziger huldigt: River Phoenix, der ein virtuelles Dasein als Touristenobjekt vor dem Nachtclub Viper Room fristet.

Phoenix und andere tote Promis sind Teil des neuen Virtual-Reality-Kunstprojekts „Locative Art“, als GPS-System ursprünglich für das Militär entwickelt, über das die Journalistin Hollis Henry in Los Angeles berichten soll. Bald sind hinter der Technologie auch eine chinesisch-kubanische Gangsterfamilie sowie US-Geheimagenten her. Und aus dem Fantasy-Autoren Gibson, der sich früher so traumhaft in neuen Welten bewegte, wird ein Erzähler neuer amerikanischer Ängste.

Denn so spannend, wie er die Handlungsstränge der drei Gruppen verknüpft (die einem Schiffscontainer als McGuffin hinterherjagen), so klug eröffnet er verschwörungspolitische Themen – Geldlieferungen für den Krieg gegen Terror, radioaktive Frachten, iPods als Waffensysteme. Natürlich auch das 9/11-Trauma, das alle Figuren erschütterte: „Die Angst nach dem Einsturz der Hochhaustürme war ein tiefer, nicht mehr enden wollender Nachhall, den niemand durchdringen konnte und der nach und nach die Fundamente des Menschen aushöhlte“.

Gibsons Charaktere sind paranoid, GPS- und internetgeschädigt: Google bietet bessere Persönlichkeitsprofile als eine CIA-Datei, Reporterin Henry bricht bei der WLAN-Meldung „Möchten Sie eine Verbindung zum vertrauenswürdigen Netzwerk aufbauen?“ fast in Tränen aus, weil die Technikabhängigkeit so groß ist, es vertrauenswürdige Netzwerke im wahren Leben nicht gibt. „Wenn das mein Land wäre, würde ich nicht wütend sein“, entgegnet ihr die französische Freundin. „Ich würde die ganze Zeit trinken. Pillen nehmen. Irgendwas.“

„Spook Country“, Gespenster-Land, heisst der Roman treffender im Original. Der Containerinhalt – vielleicht eine Waffe. Vielleicht aber auch nur, wie eine der Figuren mutmaßt, die falsche Fährte eines Irren: „Ein Streich, für den man total verrückt sein muss, um ihn sich zu leisten.“

William Gibson, „Quellcode“, Klett-Cotta, 450 Seiten, 22,50 Euro. 

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