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Rainer Merkels afrikanisches Roadmovie „Bo“

BoDer 13-jährige Benjamin verabschiedet sich von seiner Mutter in Frankfurt am Main und fliegt, nur eine blaue Papiertüte als Reisegepäck, in ein afrikanisches Dritte-Welt-Land: „Sein Vater würde ihn abholen. Er würde seinen Vater in wenigen Stunden am Flughafen in Monrovia begrüßen und dann sollte er ihm einen Brief geben, in dem seine Mutter ‚Auf Wiedersehen‘ sagte.“ Warum das? „Weil ich genug von ihm habe“, hatte die Mutter geantwortet, kurz und knapp. Alles einigermaßen beunruhigend. Wird auch nicht besser. Im Gegenteil. Der Vater holt ihn nicht ab. Er ist einfach nicht da. Was folgt, ist eine Art „Kevin allein unterwegs“.

Der in Berlin lebende Schriftsteller Rainer Merkel, Jahrgang 1964, hat ein Jahr im 1990 vom Bürgerkrieg zerstörten Liberia für die Hilfsorganisation Cap Anamur gearbeitet. Das prägt, das verpflichtet. Auf sich allein gestellt schließt sich seine Hauptfigur Benjamin dem blinden Bo und einem Mädchen namens Brilliant an, das aus Liberia stammt, aber in Kalifornien lebt. Auftakt eines abenteuerlichen Roadmovies quer durch die Einmillionenstadt Monrovia, bei dem es um einen Mantel voller Geld, eine geheimnisvolle Psychiatrie, eine verschwundene junge Patientin und ein verrostetes Schiffswrack geht. Und ums Erwachsenwerden.

Die Geschichte der drei ungleichen Teenies ist trotz aller Unwahrscheinlichkeiten flüssig erzählt. Aber es braucht Durchhaltevermögen, das Buch hat seine Längen. Und was die Länderzeichnung anbelangt, hätte man sich doch mehr Kraft und Intensität der Bilder gewünscht. Hier vertut Merkel, der 2008 mit „Lichtjahre entfernt“ auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand, die Chance, den Lesern den größtenteils unbekannten Staat am Atlantik klar vor Augen zu führen.    

Text: Andreas Burkhardt
Zwiespältig

Rainer Merkel: „Bo“  Fischer, 688 Seiten, 22,99 Ђ

weitere Buch-Notizen:

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Es gibt Schriftsteller, die produzieren einen Haufen Scheiße. Peter
Handke gehört nicht zu ihnen. Der kann selbst über seine Erfahrungen auf
der Toilette schreiben und es kommt große Literatur heraus.

Herausragend: Jenny Erpenbeck: „Aller Tage Abend“
Jenny Erpenbeck verlängert in „Aller Tage Abend“ viermal ein eigentlich schon abgeschlossenes Schicksal

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Karen Duve: Grrrimm Grimms Märchen haben 200. Geburtstag. Karen Duve erzählt fünf davon eigenwillig neu. Das haben die Märchen nicht verdient

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Zutiefst moralisch: Sibylle Bergs: „Vielen Dank für das Leben“, in der sie über eine gar nicht lustige Zukunft schreibt

Paul Austers: „Sunset Park“  Darin analysiert Auster die amerikanische Depression der neuen Lost Generation

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Rayk Wieland: „Kein Feuer, das nicht brennt“  Ein Roman, der nur vorgibt ein Roman zu sein.

Marion Brasch: „Ab jetzt ist Ruhe“ Eine prominente Familiengeschichte, die auch DDR-Geschichte ist.

 

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