Bücher

Rebecca Martin

Rebecca Martin

Eigentlich war sie ja als Autorin für ein Jugendbuch vorgesehen. Eines mit pubertärem Tenor а la: Alles ist voll ätzend, meine Eltern nerven, wann kann ich hier endlich ausziehen und mein eigenes Ding machen?
Was die damals 18-Jährige ihrem Lektor schlussendlich vorlegt, verlangt jedoch eher nach einer Ein­ordnung zwischen „50 Shades of Grey“ und „Feuchtgebiete“. Also disponiert der Verlag kurzerhand um und ver­öffentlicht Rebeccas Martins Erstlingswerk stattdessen in einer Reihe erotischer Romane. Bei „Frühling und so“ handelt es sich aber entgegen der medialen Bericht­erstattung nicht um Martins eigenes sexuelles Erwachen. „Mein Schreibstil war damals noch sehr bruchstückhaft“, erklärt sie. „Deshalb dachten wohl viele, das seien Tagebuchauszüge.“
Dass sie auch Coming-of-Age-Geschichten ohne Sex-Fokus schreiben kann, demonstriert Martin 2012 mit ihrem Nachfolge­roman „Und alle so yeah“. Diesmal ganz klar autobiografisch eingefärbt, erzählt sie darin von einem jungen Mädchen, das überraschend mit einem Erotik­buch einen Best­seller landet und daraufhin in eine Sinnkrise gerät. Eine ähnliche Zäsur zieht sich auch durch Martins Leben. Statt wie ihre Haupt­figur auf einen Selbstfindungs­trip aufzubrechen, zieht sie allerdings lediglich in eine andere Stadt – Hamburg –, um dort eine Ausbildung zur Werbe­texterin zu absolvieren. „Nach dem Abi wollte ich was Pragmatisches machen. Ich habe dann aber schnell gemerkt, dass ich mit meinen Worten viel lieber Geschichten erzähle statt Produkte zu verkaufen“, sagt Martin.
Dennoch beendet sie ihre Lehre, siedelt im Anschluss jedoch wieder nach Berlin über, um an der Filmhochschule Drehbuch zu studieren. „Die Schauspiel­branche hat mich schon immer fasziniert“, erklärt sie. „Ich hatte auch schon kleinere Rollen und dachte eine Zeit lang, dass es mein Traum sei, vor der Kamera zu stehen.“ Inzwischen hätten sich ihre beruflichen Vorstellungen jedoch geändert. „Ich würde sehr gerne vom Schreiben leben können. Das war auch einer der Gründe, warum ich das Studium begonnen habe. Um mich formattechnisch möglichst breit aufzustellen.“
Drehbücher geschrieben hat sie bisher zwar nur uni­intern, ihr aktueller Roman „Nacktschnecken“ lässt aber bereits filmische Anleihen erkennen: ellenlange Dialoge, szenische Beschreibungen im Regie­anweisungs­stil, lose verknüpfte Bilder, die kontext­los vor dem Leser ausgebreitet werden. „Bisher habe ich meine Bücher nicht geplottet, weil das immer zu sehr konstruiert wirkenden Ergebnissen geführt hat“, erklärt sich Martin. „Außerdem stelle ich es mir langweilig vor, beim Schreiben einen genauen Plan zu haben. Dann wüsste ich ja immer schon, was als Nächstes passiert.“
So modern ihr Schreib­ansatz, so traditionell die Werte, denen ihre Roman­figuren nacheifern. Heiraten, Kinder kriegen, ins Grüne ziehen, Dinnerpartys geben. „Ich habe nichts gegen Spießigkeit“, rechtfertigt sich Martin. „Schließlich ist es ein Privileg, dass es uns hier, im Gegensatz zu anderen Teilen der Welt, immer noch so gut geht.“ Kaltherzig oder egoistisch findet sie diese Selbstfixiertheit ihrer Charaktere keinesfalls. „Das ist kein Des­interesse an den Problemen dieser Welt, sondern schlichtweg Überforderung.“
Ob es dem Rest ihrer Altersgruppe auch so geht, darüber möchte Martin nicht mutmaßen. „Meine Romane verfolgen nicht den Anspruch, meine Generation zu porträtieren.“ Aber „Nackt­schnecken“ ist ohnehin Martins letzter Beitrag zur Coming-of-Age-Thematik. „Ich bin ja jetzt schon 25. Ich glaube nicht, dass ich dazu noch groß etwas beisteuern könnte.“

Text: Henrike Möller

Foto: Jacintha Nolte; Dumont Buchverlag?

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