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Reportagenband von Benjamin von Stuckrad-Barre

Von Alexander Kluge stammt die Vermutung: Je länger man das Wort „Deutschland“ betrachte, desto ferner und fremder schaue es zurück, das Wort und vermutlich auch das Land. „Auch Deutsche unter den Opfern“, das neue Buch von Benjamin von Stuckrad-Barre, eine Sammlung von Augenblicks-Aufnahmen, „B.Z.“-Jobs und sonstigen Reportagen, ist der Beweis für diese Vermutung.
Stuckrad-Barre hat ziemlich genau hingesehen, egal ob bei Angela Merkel im Kanzleramt, beim Fan-mäßig verehrten Udo Lindenberg im Hotel Atlantic, bei einer bizarren, irgendwie Sekten-ähnlichen Party von Google Deutschland, bei Guido Westerwelle im Wahlkampf (den er höflich nach seiner Hautkrankheit fragt) oder, was soll’s, bei der Fashion Week („Als ich heute Morgen vor meinem Kleiderschrank stand, bekam ich einen Lachanfall.“).

Das Gute an diesen Groß- und Klein-Reportagen ist nicht nur, dass sie den Besuch im Kanzleramt, bei der Fashion Week oder sonst einem Schauplatz des Irrsinns problemlos und sehr unterhaltsam ersetzen. Das Tolle und Gespenstische an Stuckrad-Barres komplett Recht­haber-freiem Blick auf dieses lustige Land ist, dass dabei das handelnde Personal zwischen diversen roten Teppichen und, sagen wir mal, Wahlkampfständen in der Fußgängerzone komplett gaga, aber auch auf das Schönste gemütlich vertraut wirkt. Das ist die These von Kluge (der in Stuck­rad-Barres Deutschland-Besichtigung natürlich auch nicht fehlt): Je genauer man hinsieht, desto absurder und, sorry, familiärer wird es.

Stuckrad-Barre, derzeit der in jeder Hinsicht erfreulichste Gesellschaftsreporter in diesem kleinen, lustigen Land, gelingt das Kunststück, bei seinem Projekt einer Ethnografie des Inlands gleichzeitig entspannt und hellwach, böse und offen, lustig, neugierig und, großes Wort: ehrlich zu bleiben – großes Kunststück! Dass er einem mit seiner Promi-Sucht in seinem früheren Leben als „Pop-Literat“ (was immer das ist) auf die Nerven gefallen ist und völlig zu Recht regelmäßig auf der tip-Liste der peinlichen Berliner abgehakt wurde, dass er vom Koks-Entzug bis zur Trennung von irgendeiner TV-Tante (deren Namen ich jetzt gerade vergessen habe, aber egal) den Rest der Welt mit seinem Privatleben behelligte, dass er sich von Anfängen als „taz“-Schreiber zügig zur „B.Z.“ runtergerobbt hat und, wir machen ja jeden Scheiß mit, sich bei Springer-Chef Mathias Döpfner ausdrücklich bedankt – alles geschenkt. Toller Schreiber, toller Beobachter, tolles Buch. Hallo Deutsch­land!

Text: Peter Laudenbach
Foto: Heinrich Völkel/Ostkreuz

(tip-Bewertung: Lesenswert)

Benjamin von Stuckrad-Barre „Auch Deutsche unter den Opfern“
, Kiepenheuer & Witsch,
336 Seiten, 14,95 Ђ

 

Weitere Buchbesprechungen:

LESENSWERT: „KOKOSCHKINS REISE“ VON HANS-JOACHIM SCHÄDLICH 

HERAUSRAGEND: J.M. COETZEES „SOMMER DES LEBENS“

HERAUSRAGEND: T.C.BOYLES „DAS WILDE KIND“

LESENSWERT: DON DELILLOS „DER OMEGA-PUNKT“

HERAUSRAGEND: BURNSIDES „GLISTER“

LESENSWERT: „FRANKIE MACHINE“ VON DON WINSLOW

GAY TALESE: FRANK SINATRA IST ERKÄLTET – REPORTAGE-MEISTERSTÜCKE

BILDBAND: MAGIC 1400s – 1950s

 

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