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Robert Gwisdek über seinen Debütroman „Der unsichtbare Apfel““

Gwisdek_Herr Gwisdek, Sie sind Musiker, Schauspieler und jetzt auch Autor – wie überwindet man die Angst vor der Selbstverwirklichung?
Ich bin kein guter Ratgeber. Ich fühle mich sehr wohl, wenn ich kreativ sein kann, aber das In-die-Welt-Bringen der Ergebnisse ist nicht immer schmerzfrei. Das ist wie ein Extramuskel, den man trainieren muss. Ideen haben ist das eine, Ideen umsetzen das andere. Das Risiko, missverstanden zu werden, ist wahrscheinlich der  Preis, den man dafür zahlt, es mit anderen teilen zu können. Gerade, wenn es so ein abs­trakter Gefühlszustand ist wie in dem Buch.

Entstehung, Existenz, Verständnis – das sind Ihre Themen. Inwiefern überschneiden sich da musikalische und literarische Auseinandersetzung?
Das Musikalische hat dieses Buch vielleicht vorbereitet. Aber die Handlung habe ich nicht groß vorausgedacht. Ich hatte die Idee, einen Charakter aufzubauen, der in der realen Welt zu Hause ist und von dort eine Art Extrawelt betritt. Wie es sich am Ende auflöst – das wusste ich nicht genau. Das hat sich in einem Schreibrausch von zwei Monaten entwickelt. Ich war selbst überrascht.

Um seine Wahrnehmung zu schärfen, schließt sich Ihr Protagonist Igor in einen geräuschlosen Raum ein. Muss man einsam sein, um zu sich selbst zu finden?
Tatsächlich glaube ich, dass Glücklichsein in der Einsamkeit sehr befreiend sein kann. Wobei Einsamkeit ein zu negativer Begriff ist. Igor schafft sich eine Unabhängigkeits­erklärung, indem er sich in diesem Raum einschließt und sagt: Ich habe das Leben erst gemeistert, wenn ich auch in dieser extremen Isolation glücklich sein kann. Und am Ende ist Igor ja kein Einzelgänger mehr.

Man kann diesen Selbstfindungsprozess als gesellschaftskritisches Plädoyer für die Entschleunigung lesen.
Die Sucht nach Informationen ist die erste Sucht des Menschen. Aber ich kritisiere die Gesellschaft dafür nicht. Das wäre, als ob ich Delfine dafür kritisieren würde, dass sie keine Hände haben – das wäre Quatsch. Das Gehirn ist ein Informationsjunkie, der einen zwingt, ständig Dinge zu verarbeiten. Dabei ist es ihm fast egal, ob das relevante Informationen sind oder nicht. Das ist ein Automatismus, von dem ich gerne frei sein möchte. Ich möchte mich sozusagen autonom von meinem Gehirn bewegen können.

Bewegen Sie sich da im spirituellen Bereich?
Ein bisschen. Ich glaube, das Bewusstsein ist fluide. Es ist erstaunlich, wie adaptiv der Geist ist. Wenn ich meditiere, wird es von einer Spitze zu einer Fläche oder auch von einem Dreieck zu einem Kreis. Ich glaube an die unendliche Verwandlungskraft des Geistes. Und dass der Homo sapiens dem Wesen nach fähig ist, Dinge wahrzunehmen, die über seine fünf Sinne hinausgehen.

Darum stellt Igor manchmal überrascht fest, dass er „stattfindet“?
Ich finde es spannend, dass der Mensch ein biochemischer Apparat ist, der ohne unser Zutun vor sich hin reagiert. Und doch gibt es etwas in dem Körper, das frei ist. Ein kleiner Kopilot, der zuschaut, wo das Schiff, das man selbst ist, hinsteuert. Bis hin zu den Momenten, wo dieser Kopilot bemerkt: Ich bewohne dieses Schiff und kann es zum Anhalten bringen. In diesem Anhalten liegt vielleicht eine Art von Freiheit, die das Schiff nicht spürt, während es fährt. Igor ist jemand, der Freiheit sucht. Er akzeptiert nicht, dass der Mensch an sich selbst gebunden ist.

Die Freiheit findet er in der Fantasiewelt, wo ein Formenkrieg zwischen Kreis und Dreieck herrscht.
Ja, da zähmt Igor einen Kreis, der sein Freund wird und von dem er viel lernt. Später muss er sich dann auch dem Dreieck widmen, das ein ganz anderes Wesen hat. So schafft er es, seine Wahrnehmung zu verändern.

Der Kreis ist auch in Ihrem musikalischen Werk ein wiederkehrendes Motiv, das für unterschiedlichste Dinge steht. Das Dreieck ist neu.
Ja, ich verstehe langsam, dass Dreieck und Kreis gleichberechtigte Geschwister sind, die ohne einander keine Welt erschaffen könnten. Das ist ein bisschen wie Shiva und Shakti im Hinduismus. Es gibt noch einen dritten Kompagnon, der eine Rolle spielen könnte, nämlich das Viereck. Aber das habe ich noch nicht verstanden, ich bin gerade erst beim Dreieck angelangt.

Interview: Lea-Maria Brinkschulte

Foto: Leni Wesselman

apfelRobert Gwisdek: „Der unsichtbare Apfel“ Kiwi, 368 Seiten, 12,99 Ђ

Lesung mit Musik und Kurzfilm Volksbühne, Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte, Di 11.3., 20 Uhr

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