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Rocko Schamoni über seinen neuen Roman „Tag der geschlossenen Tür“

Rocko_Schamonitip-Autorin Jenni Zylka hat Schamoni in Hamburg-Neustadt besucht und mit ihm über Lachen auf Kommando, Löcher in der Seele und seine Umzugspläne nach Berlin gesprochen. Rocko Schamoni sitzt am Fenster eines sonnendurchfluteten Cafйs unweit seiner Wohnung in Hamburg Neustadt. Der 46-jährige scheint die letzten Jahre in einem Jungbrunnen verbracht zu haben, wirkt aber sehr ernst. In seinem neuen Buch „Tag der geschlossenen Tür“, das der Hamburger am 16.2. im Deutschen Theater vorstellen wird, verweigert sich der Pro­tagonist jeglicher Art von Entwicklung und irrt lieber philosophierend durch die Straßen. Rocko Schamoni denkt in letzter Zeit ebenfalls viel über das Leben und die Gesundheit nach.

Rocko Schamoni: Ich war gerade bei meiner Ernährungsberaterin oder wie das heißt. Ich hab immer totale Bauchschmerzen…

tip: Das liegt bestimmt an einer Laktoseunverträglichkeit. Ich trinke immer Ayran, den türkischen Kefir, und der bekommt mir gut. Die Türken werden alle Ringer davon.

Rocko Schamoni: Das schreibe ich mir gleich mal auf. (Tippt „Ayran vom Türken“ ins Handy) Okay.

tip: Wohnst Du um die Ecke, mit Deiner Familie?


Rocko Schamoni: Ja. Aber meine Tochter hat gerade die Schule gewechselt, weil sie, genau wie ich in dem Alter, anfängt, Schule zum Kotzen zu finden. Vielleicht geht sie ja auch in anderthalb Jahren ab und wird auch Töpferin.

tip: Ich glaube, heutzutage wird man nicht mehr Töpferin. Warum auch?


Rocko Schamoni: Ich habe gerade gelesen, und es ist mir auch schon vorher aufgefallen, dass diese ganze Handwerksscheiße wieder total im Kommen ist. Und ich selber stelle auch sehr gern handwerklich etwas her.

tip: Bekannt geworden bist Du aber nicht als Handwerker, sondern als Entertainer und Schriftsteller. Wie ist denn das Berühmtsein eigentlich so?

Rocko Schamoni: (lacht) Scheißfrage!

tip: Das lässt ja schon tief blicken!

Rocko Schamoni: Naja, ich nehme das ja nicht so wahr. Also ich versuche hier in Hamburg alles, um mich aus dem Tagesgeschäft der „Bekannten“ rauszuhalten, es gibt ja Leute, die suchen jede Form von Öffentlichkeit, ich bin eher das Gegenteil. Und auf der Straße passiert es mir tatsächlich nicht so häufig, dass mich jemand erkennt oder anspricht. Wenn ich zu Veranstaltungen gehe, dann merke ich das schon eher.

tip: Aber es ist doch bestimmt so, dass die meisten Leute, die Du kennenlernst, bereits von Dir gehört haben. Das ist doch eine seltsame Situation, ein Ungleichgewicht…

Rocko Schamoni: Ja, aber solange das nichts mit Hysterie oder Abscheu zu tun hat, ist mir das egal, ob die irgendwas wissen. Und ich glaube, den meisten anderen bedeutet das auch nichts.

tip: Kritiken über Deine Arbeiten liest Du aber schon, oder?

Rocko Schamoni: Ja, aber auch ungern. Ich bin sehr verletzlich, und habe ehrlich gesagt Angst davor. Ich habe ein paar harte Kritiken bekommen, davon weiß ich dann noch lange jedes Wort. Hochgejubelt zu werden finde ich genauso gefährlich, wenn man sich darauf verlässt, stürzt man irgendwann wieder runter. Und ich neige immer dazu, den Leuten zu glauben, wenn sie was schreiben, ich denke dann: Der macht seinen Job ja auch nicht umsonst. Das ist gut geschrieben, da ist bestimmt was dran. Wenn man sich darauf einlässt, geht’s nicht mehr weiter.

tip: Kann doch auch sein, dass man etwas lernt, für das nächste Projekt…

Rocko Schamoni: Hab ich auch aus den Kritiken, die ich mir reingezogen habe, weil da tatsächlich was dran war! Wenn jemand, dessen Schreibe du auch noch magst, dich fertigmacht, dann tut das wahnsinnig weh, man glaubt ihm! Und dann beschließt man häufig: Ich mach’s nie wieder. Das war auch einer der Gründe, warum ich keine Musik mehr gemacht hab’. Ich hab mich unglaublich in diese Plattenaufnahmen reingestürzt, meine letzte Platte hat mir die ersten grauen Haare meines Lebens verschafft, das war wirklich Stress. Dann das Ding rausbringen, es wird eh nur gedownloadet, ich musste noch 2500 Euro drauflegen, damit die überhaupt erscheint. Und dann wird man von irgendeinem Autor abgewatscht. Schon sitzt man da und denkt: Dann lieber nicht.

tip: Findest Du alle Sachen gut, die Du je gemacht hast?

Rocko Schamoni: Nein, ich finde ganz viele Sachen sehr schlecht und überflüssig. Und wenn man mich fragen würde, ob ich alles noch mal so machen würde, müsste ich sagen: Nee, so einen schlechten Scheiß möchte ich nicht wiederholen. Aber so was weiß man eben erst im Nachhinein. Ich gehöre nicht zu den Leuten die sagen: Jeder Fehler ist gelebtes Leben. Ich würde einen riesen Bogen um einen Haufen Sachen machen. Vor allem bei der Musik. Da kann ich ehrlich sagen: Je früher die Platte desto unbedachter, teilweise auch mit grauenhaften Effekten dabei.

tip: Mit Deinem neuen Buch bist du aber zufrieden?!

Rocko Schamoni: Bei den Büchern hab ich eh eine höhere Zufriedenheitsrate, erstmal weil ich ganz allein dafür verantwortlich bin, und auch keine schlechten Effektgeräte wie das SPX 90 im Spiel sind, und zweitens, weil ich die alle nach meinem 30. Lebensjahr geschrieben hab. Da hatte man mehr Erfahrungen und auch schon so etwas wie eine Selbstaufsicht, man kann die Eitelkeiten in der Artikulation überschauen und merkt, wenn man peinlich und pathetisch wird. Das ist ein Vorteil.

tip: Was willst Du mit dem Buch erreichen?

Rocko Schamoni: Es gibt Teilaspekte, Gentrifizierung, Veränderung von Menschen, Vierteln, Hierarchien. Das Entscheidende an diesem Buch für mich ist aber, dass der Hauptdarsteller – im Gegensatz zu seiner Umgebung – keine Entwicklung durchmacht. Auf der Suche nach der Zeitbremse bleibt er stecken. Einen Erkenntnisgewinn möchte ich aber nicht liefern.

tip: Und der Sinn?

Rocko Schamoni: Ich glaube, dass ich den dissidentischen Kern im Menschen anspreche. Wenn Du nicht ­dazu gehören willst, gibt es auch etwas anderes. Und das möchte ich definieren.

tip: Deinen Protagonisten zeichnest Du als unglücklichen Menschen…

Rocko Schamoni: Interpretationsfrage! Einige finden ihn glücklich, andere unglücklich. Manche lachen über ihn. Der macht sich einen Spaß aus der Gesellschaft. Ich möchte die Leute bestärken, nicht mitzugehen. Da kann ich mich nur an Herman Melville anschließen: I would prefer not to. Klar, der Protagonist ist mit dem Sein nicht zufrieden. Man selbst färbt natürlich auf den Protagonisten ab: Ich hadere auch sehr mit der Welt, mit mir, mit allem. Die ganze Zeit hinterfrage ich alles. Und zwischendurch fallen mir idiotische Ideen ein. Zum Glück, sonst wäre ich schon längst nicht mehr da.

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