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Roddy Doyle: „Die Rückkehr des Henry Smart“

doyle_Grosses-CoveVerdammt lange mussten wir auf Neuigkeiten von Henry Smart warten, den durchtriebenen Dubliner Gassenjungen, den der irische Bestsellerautor Roddy Doyle vor gut einem Jahrzehnt auf die literarische Bühne geschubst hat. In „Henry der Held“ (2000) erlebten wir ihn als furchtlosen Freiheitskämpfer beim Osteraufstand 1916, in „Jazztime“ (2006) begleiten wir ihn Anfang der Zwanzigerjahre bei seinen Abenteuern in den Vereinigten Staaten, wohin er nach Auftragsmorden im Namen der irischen Sache fliehen musste. Doch nun ist er endlich wieder da: Im abschließenden Band der Trilogie „The Last Roundup“ betritt der nun 50-Jährige nach langjährigem Exil 1951 wieder Heimatboden. Er spürt sofort, „wie das Land mir in die Lungen kroch, wie es kreiste und brodelte“. Und er registriert, wie sich die grüne Insel in den Jahren seiner Abwesenheit verändert hat.

Stärker noch als in den ersten Bänden setzt der ehemalige Lehrer Doyle auf historische Tatsachen und Personen: Nach Louis Armstrong in „Jazztime“ hat der 1993 mit dem Booker-Preis ausgezeichnete Autor sich diesmal John Ford ausgesucht, den er seinem Helden an die Seite stellt. Unter dem Titel „The Quiet Man“ will der irischstämmige Regisseur Henrys Leben verfilmen und engagiert ihn zunächst als IRA-Berater, später als Drehbuchautor. Da Ford aus Rücksicht auf amerikanische Moralvorstellungen (und aus Zeitgründen) Henrys wildes, an Frauengeschichten reiches Treiben extrem verkürzt, vereinfacht und letztlich verfälscht, kommt in Henry der Rebell zum Vorschein, der er immer war: Er schmeißt das Film-Engagement hin und betätigt sich auf seine alten Tage als Gärtner und Hausmeister einer Jungenschule. Gewohnt temporeich und mit knackigen Dialogen führt der 55-jährige Autor die Handlung bis ins 21. Jahrhundert und verstrickt Henry dabei gekonnt in den verwickelten Verlauf irischer Geschichte, am Ende mit stark politischem Dreh.

Während wir nun wehmütig Abschied von einem 108-jährigen Henry Smart nehmen müssen, hat sein Erfinder sich längst neuen irischen Geschichten zugewandt. Mit dem soeben erschienenen Roman „The Guts“ kehrt Doyle allerdings zu alten Bekannten zurück – zu Jimmy Rabbitte und seiner Band The Commitments.

Text: Reinhard Helling

tip-Bewertung: Herausragend

Roddy Doyle: „Die Rückkehr des Henry Smart“ Aus dem Englischen von Renate Orth-Guttmann, Hanser, 382 Seiten, 16,99 Ђ

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