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Roman: Wenn das Schlachten vorbei ist

Boyle hat mal wieder sein Leib- und Lebensthema angepackt, den immerwährenden Konflikt zwischen Natur und Kultur, Wildheit und Zivilisation. In seinem neuen Roman stehen sich zwei Tierschutzorganisationen gegenüber, die sich beide im Besitz der letzten Wahrheit wähnen und folglich erbittert bekämpfen.
Alma Takesue vertritt als PR-Beauftragte des National Park Service die offizielle Doktrin des aktiven, eingreifenden Artenschutzes und schreckt auch vor drastischen Maßnahmen nicht zurück. Sie will mit ihrer Behörde auf den nördlichen Santa-Barbara-Inseln invasive Populationen, Schweine und Ratten, ausrotten, damit sich die gefährdeten Arten, Vögel und Füchse, wieder erholen können. Dagegen wenden sich nun die privaten, durchaus militanten Tierschützer der PETA, vertreten durch Dave LaJoy, der das Töten von Tieren generell ablehnt und nun alles daran setzt, das behördliche sanktionierte „Schlachten“ zu sabotieren.

Beide sind im Unrecht, das führt dieser komplex komponierte, ein beachtliches Figurenarsenal aufbietende, mitunter etwas kolpor­tagehafte Thesenroman in aller Breite vor. Das Eingreifen der Regierung ist, wiewohl wissenschaftlich fundiert, eine Holzhammermethode, die dem sehr diffizilen Miteinander der Arten absolut nicht gerecht wird. Aber auch die Ideologie der PETA geht von falschen Prämissen aus. Auch die Nichteinmischung ist keine Lösung, weil der Mensch nolens volens, allein durch seine Existenz, eben doch ständig Eingriffe in die Natur vornimmt. Und dass militanter Tierschutz und Inhumanität sich mitunter bedingen, das zeigt sehr schön der cholerische Unsympath LaJoy, der am Ende ein paar Menschen auf dem Gewissen hat. Schuldig werden also wieder einmal alle.

Boyle gelingt es souverän, Ideen und Ideologien auf plastische Figuren zu verteilen und in eine saftige Handlung zu überführen. Zu keiner Zeit hat man den Eindruck, man würde einen verkappten Besinnungsaufsatz lesen. Im Gegenteil, das eine oder andere Bootsunglück weniger hätte es wohl auch getan. Andererseits haben die vielen Havarien auch wieder leitmotivische Funktion. In ihnen manifestiert sich noch einmal der Kampf zwischen der allzeit wilden Natur und dem Menschen, der sie ohne Erfolg zu domestizieren versucht.    

Text: Frank Schäfer
tip-Bewertung:
Lesenswert

T. Coraghessan Boyle: „Wenn das Schlachten vorbei ist“
Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren, Hanser, 464 Seiten, 22,90 Ђ  

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