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Romane zu Party, Wende und Rausch

Paul_Beatty_SlumberlandDer Mauerfall wird 20, und die Rückblicke nehmen kein Ende. Nicht nur des Ereignisses selbst wird gedacht, sondern auch dessen, was davor und danach so passiert ist – in Westberlin zum Beispiel, als die Stadt noch ein subkulturelles Soziotop war und das Schöneberger Slumberland ein angesagter Laden. Dorthin verschlägt es anno ’89 DJ Darky in Paul Beattys neuem Roman, der auch genauso heißt wie die legendäre Bar mit dem Strandsandboden: „Slumberland“. Der afroamerikanische DJ mit dem phonografischen Gedächtnis ist auf der Suche nach dem vollkom­me­nen Beat und dem unterge­tauch­ten Jazzmusiker Charles Stone alias Schwa, den er als genialen Inspirator bewundert. Im Slumberland findet Darky einen Job. Als Jukebox-Sommelier sucht er die Songs für die Bar-eigene Musiktruhe aus, die nicht unerheblich zur Steigerung der ohnehin schon erotisch aufgeladenen Atmosphäre beitragen. Hierher kommen weiße Frauen auf der Suche nach Sex mit schwarzen Männern, und da sich in dieser Stadt jeder Schwarze ohne deutsches Fräulein wie ein Obdachloser fühlt, muss auch ir­gendwann Charles Stone hier auftauchen. DJ Darky soll recht behalten. Allerdings kommt der Jazz-­Avantgardist erst nach dem Mauerfall und sammelt Geld dafür, dass dieses soeben zerstörte Bauwerk wiedererrichtet wird.

Der Amerikaner Paul Beatty, der als Slam-Poet und Romancier („Der Sklavenmessias“) aus intertextuellen Bezügen, Kalauern und Metaphern einen ganz eigenen Sprachsound entwickelt hat, wirft in „Slumberland“ einen originellen Blick auf die Umbruchzeit in der ehemaligen Frontstadt. Er vergleicht die Situation der wiedervereinten Ostdeutschen mit der der Schwarzen nach dem Sezessionskrieg, entlarvt den unterschwelligen Rassismus der Multikulti-Berliner und gibt Einblicke in den Musikgeschmack von Neo­nazis. Der perfekte Beat, den der Ich-Erzähler sucht, hat übrigens nichts mit Techno zu tun. „Techno ist das einzige Musikgenre, das mir völlig verschlossen geblieben ist“, gesteht DJ Darky. „Ich will nicht Lärm dazu sagen. Lärm hat wenigstens eine Quelle.“

Rainer_Schmidt_LiebestaenzeVon diesem undefinierbaren Sound der 90er handelt Rainer Schmidts RomanLiebestänze„. In der Raverszene, die Schmidt beschreibt, hat die deutsch-deutsche Vereinigung angeblich längst stattgefunden. „Ohne die Energie der Ost-Kids, die diese neue Kultur mitprägten und nicht bloß übernehmen mussten, dachte Felix, wäre Techno in Deutschland nie so groß geworden.“ Felix ist die Hauptfigur in Schmidts Roman und sondert oft solche Statements ab. Als Banker hat er in London studiert und lebt nun in Berlin, weil hier die „RAVEolution“ stattfindet.Rainer Schmidt, der stellvertretender Chefredakteur bei „Max“ und „Vanity Fair“ war und mit dem Roman „Wie lange noch“ im vergangenen Jahr als Schriftsteller debütierte, lässt seinen Protagonisten schnurstracks ins Herz der Szene raven. Bald kennt Felix sie alle: die populärsten DJs und die Köpfe der Bewegung. Er tanzt, wirft Pillen ein, trinkt und vögelt sich durch die Nächte. Bei alldem ist er auf der Suche nach seiner großen Liebe in Gestalt von DJane Karla, „die Reinste, die Zarteste“, die nach Heu riecht und auf der Love Parade Dinge sagt wie: „Hier zu stehen, das ist, als ob all das Streben und Sehnen plötzlich aufhören würde, weil es mehr Erfüllung nicht geben kann, oder?“ Abgesehen von solchen Sätzen, schiefen Bildern und falschem Pathos hat Rainer Schmidt in dem Buch ein grundsätzliches Problem: Was will man über eine Szene schreiben, die nächte- und tagelang feiert – meist sich selbst –, massenweise Drogen konsumiert und allmählich den Sinn für die Realität verliert. Schmidt erzählt genau das, was in etwa so spannend ist wie eine Live-Übertragung von der Love Parade.

Henning_Kober_Unter_diesem_EinflussFür den 1981 geborenen Autor Henning Kober war der Mauerfall vermutlich eine kaum wahrgenommene Meldung in der Kindheit und Techno der Soundtrack der Adoleszenz. Janus, der Protagonist seines Romandebüts „Unter diesem Einfluss“, ist zum Jahrtausendwechsel erwachsen geworden und nun unterwegs in „Ber­lino Mitte“. In seinen Terminator- Sneakers von Nike sucht er „Eks­tase“ und „echte Gefühle“ – warum ausgerechnet in der 30. Etage des Park Inn Hotels oder im künstlichen Palmenparadies Tropical Islands, bleibt sein Geheimnis. Ebenso rätselhaft ist es, warum sein über „Finale Hysterie“ bloggender Bruder Bobby das Land verlassen musste. An dessen Roman „New Order 07“, in dem Wohlstandserben Terroranschläge verüben, kann es jedenfalls nicht liegen.
Wer nimmt spätpubertäres Geschreibsel schon ernst? Oder Sätze wie diese: „Vergangenheit sei Unsinn, meint Alexis. Das Einzige, was zählt, ist die Gegenwart. Ein gutes Leben, so viel Spaß wie möglich, solange es niemandem wehtut.“ Genau. Das „Wahrhafte“ findet man, wenn man ordentlich Drogen konsumiert und vom Geld der Eltern um die halbe Welt reist. Protagonisten ohne Fallhöhe, Pop­literatur ohne Provokation? Schon okay, solange es niemandem wehtut.

Text: Ralph Gerstenberg
Foto Ewerk: Wolfgang Brückner

Paul Beatty „Slumberland“, aus dem Amerikanischen von Robin Detje, Blumenbar, 320 Seiten, 19,90 Ђ (tip-Bewertung: Lesenswert)
Lesung Literaturwerkstatt Berlin, Knaackstraße 97, Prenzlauer Berg, Mi 30.9., 20 Uhr, Eintritt: 5/3 Ђ, deutsche Übersetzung: Robin Detje

Rainer Schmidt „Liebestänze“, Kiepenheuer & Witsch, 288 Seiten, 8,95 Ђ (tip-Bewertung: Uninteressant)
Lesung als audiovisuelles Internetprojekt mit 300 Partygängern und Autoren: www.myspace.com/liebestaenze

Henning Kober „Unter diesem Einfluss“, S. Fischer, 288 Seiten, 18,95 Ђ; (tip-Bewertung: Uninteressant)
Lesung Georg Bücher Buchladen, Wörtherstraße 16, Prenzlauer Berg, Di 22.9., 20 Uhr, Eintritt: 5 Ђ

 

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