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Ronja von Rönne

Ronja von Rönne

Mit zwölf dachte Ronja von Rönne, sie bringt mit 13 ihr erstes Buch raus. Fing auch gut an. "Irgendeinen Quatsch über eine, die magersüchtig wird". Sie setzte den Text so, dass er von Seite zu Seite ­schmaler wurde. Ungefähr 40 Seiten lang. Auf der letzten war dann nicht mehr viel Text drauf. "Habe ich nirgendwo eingereicht." Bis zum ersten Buch dauerte es dann doch etwas länger. Zehn Jahre etwa. Gerade erschien "Wir kommen."
Mein Haus am See, letzte Woche, unten im Keller. Es ist die Buchpremiere ihres Romans. Dichter  Zigarettenrauch in der Luft. Als wären  die 90er-Jahre am Rosenthaler Platz zu Besuch. Getränke aufs Aufbau-Haus. Volle Hütte. Stimmung super. Nur eine hat miese Laune. Ronja von Rönne. Liegt vielleicht auch an der ersten Buchkritik, gerade in der "taz" erschienen. Ein Verriss. Geschrieben von Moritz Müller-Schwefe von der Literaturzeitschrift "Metamorphosen".
Auf dem Weg nach vorn zum Lesesofa vergräbt sie ihr Gesicht mal in diesen, mal in jenen Arm. Gleich wird sie dort, neben sich ihre Lektorin, die ersten Sätze des Buches lesen.  "Maja ist nicht tot. Wenn Maja gestorben wäre, hätte sie mir Bescheid gesagt. Solche Dinge haben wir immer absprochen." Der Roman verschränkt zwei Geschichten, von denen die eine sehr gut ist (eine Mädchenfreundschaft) und die andere  ein bisschen egal bleibt (Städter-Gruppeneskapismus auf dem Land)  Das Ende ist allerdings großes Kino.
Ein paar Tage zuvor. Auf Facebook postet sie ein Selfie. In ihrer Hand das Buch, das gerade vom Kurier gebracht worden war. Und sie sitzt da mit erbarmungswürdigem Gesicht, als hätte ihr gerade jemand eine runtergehauen. Um die Augen ein ziemliches Wimperntuschen-Inferno.  Vier Stunden, sagt sie, habe sie an diesem Februartag geheult, sie konnte gar nicht genau sagen, weshalb. Vielleicht, weil in diesem Moment alles von ihr abfiel.
Dieses irre, bekloppte, unfassbare letzte Jahr. Feminismus-Shitstorm. Klagenfurt-Radau. Erster Roman.
Ein Jahr Berlin reichte, und jeder, den man in kundigen Kreisen den Namen "Ronja von Rönne" zuwarf, hatte zu ihr eine Meinung. Meist eine starke. Daumen hoch oder runter.
Seit Februar 2015 erschienen im Feuilleton der "Welt am Sonntag"  ihre Texte. Erst kurz zuvor war sie aus Hildesheim nach Berlin gezogen, nach dem Studium für Kreatives ?Schreiben. Ihren Blog, das Sudelheft, hatte sie damals schon.
Das Sudelheft: ihr "Wohnzimmer". Wo sie keine unfreundlichen Kommentare zulässt. "Ich lade doch auch nicht Leute zu mir ein, die mir dann sagen: Das sieht aber total scheiße eingerichtet aus bei dir."
Einer der ersten "WamS-" Texte war ein schwungvoller, bitterböser  Berlinale-Party-Bericht, der mit "Nutte oder erfolglose Schauspielerin" überschrieben war und ihr eine Klage vom Partyveranstalter einbrachte.
Zwei Monate später war dann richtig Remmidemmi: "Warum der Feminismus mich anekelt". Mit allerlei lustigen Argumenten wie: Feminismus als "Charityaktion für unterprivilegierte Frauen". Und Sätzen wie: "Ich habe einfach noch nie erlebt, dass Frausein ein Nachteil ist."
Wenn man sowas  raushaut, weiß man: It might get loud.  Die Debatte wurde dann abstrus, als Hubert Winkels vom "Deutschlandradio" Rönne zum Bachmann-Preis nach Klagenfurt einlud (wo sie bei den Preisen leer ausging). Danach, sagte Winkels neulich bei einer Veranstaltung in der Literaturwerkstatt, "haben mich alle Kollegen schief angesehen".  Seit der Geschichte weiß Ronja von Rönne, wie sich ein Shitstorm anfühlt. Muss man jetzt nicht noch einmal alles durchbuchstabieren. War hässlich genug.
Eine der interessanten Pointen ist allerdings, dass sie jetzt mit einer der schärfsten Kritikern ihres Textes, der "taz"-Autorin Margarete Stokowski (die seit einiger Zeit auch eine Kolumne auf "Spiegel-Online" hat), befreundet ist.
Irgendwann rief ein Freund morgens an und fragte, ob sie jetzt Polizeischutz hätte. Da reichte es ihr. Sie klappte ihren Laptop zu und fuhr nach Bayern, um zu paddeln. Machte auch für zwei Wochen ihr Sudelheft dicht, schweren Herzens. Ihren Blog, den sie als Spielwiese aufgemacht hatte, eben als "Wohnzimmer". Aber auch, um entdeckt zu werden.
"Krass, dass das wirklich funktioniert hat", staunt sie einen Tag vor der Premiere. "Vor einem Jahr war ich eine Studentin, die keiner kannte. Jetzt gebe ich Interviews."
– Frau Rönne, was wollten Sie für ein Buch schreiben?
"Im besten Falle ein erfolgreiches", sagt Ronja von ?Rönne. "Damit ich nicht noch eins schreiben muss."

Text: Erik Heier

Foto: Carolin Saage

Wir kommen
von Ronja von Rönne, Aufbau, 208 S., 18,95 Euro

Lesung: Backfabrik, Clinkerlounge, Saarbrücker Straße 36-38, Prenzlauer Berg, ?Di 5.4., 20 Uhr

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