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Rudolf Lorenzen: „Die Hustenmary“

Filia_Hospitalis_(Zille)West-Berlin war eine ungekämmte Stadt, zumindest nachts, und wer das für eine Verknappung hält, der schaue nach bei Gerhard Seyfried. Seyfried ist Chronist und Comiczeichner, wer Quellen zu der alten, links­alternativen Frontstadt braucht, ist bestens aufgehoben in dem Werk des Karikaturisten – West-Berlin ist bei ihm stets frisurlos, und wenn es weitere Bücher über diese Stadt gegeben hat, dann Fußnoten zu Seyfrieds Zeichnungen: „Der Mauerspringer“ von Peter Schneider, „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ von Christiane F. oder „Herr Lehmann“ von Sven Regener. Und schließlich gibt es einen, bei dem man sich nicht sicher ist: Rudolf Lorenzen. Ist das ein Großer? Oder doch nur einer von den Bohemiens, die man nach ein Uhr morgens in den Kneipen gleich im Dutzend fand? Rudolf Lorenzen, in Bremen aufgewachsen und 1955 in den Westteil von Berlin gezogen, wird am 5. Februar 90 Jahre alt. Sein Roman „Alles andere als ein Held“, erschienen 1959, wurde nach Wiederauflage 2002 nicht nur von der „Neuen Zürcher Zeitung“ auf Augenhöhe mit der „Blechtrommel“ von Günter Grass gesehen.

Nun erscheinen kurze Geschichten von Lorenzen über West-Berlin, geschrieben in den letzten 50 Jahren. Unglücklicherweise beginnt das Buch mit der „Hustenmary“ – einem Porträt in Berliner Mundart: Hurenromantik, Proletarierstolz, der ewige Mythos von „hart, aber herzlich“, den man den Berlinern anhängt. „Ich bin aus Moabit, meene Mutta war Näherin“, sagt Mary. Als sie „swölf“ war, gab ihr ein Anstreicher „zwee Maak“, und „da hatta denn son bisscken an mir rumjefummelt“. Also Zille sein Milljöh. Zille leider aber nur als Mittelmaß. Lorenzen kann es besser. Er erzählt, wie er, ganz hanseatische Vernunft, als Drehbuchautor einst Horst Buchholz eine teure Außenaufnahme ausreden wollte – und gefeuert wurde. Wie die „Neupreußische Empfindungsgesellschaft“ den Schöneberg bestieg – die Nordwand hoch, bei minus 40 Grad, so will es die Legende. Wie drei Brüder aus Recklinghausen ein Bauernhaus im Wallis abtrugen und in der Lietzenburger Straße abermals zusammensetzten, als Gaststube ihres Hotels. Rudolf Lorenzen liebt das Randständige, wer ihn als Schreiber jedoch voll im Saft erleben will, braucht die Langstrecke. Eben den Roman „Alles andere als ein Held“.

Text: Lars Grote

Illustration: Heinrich Zille

tip-Bewertung: Annehmbar

Rudolf Lorenzen: „Die Hustenmary“ Verbrecher Verlag, 116 Seiten, 18?Ђ

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