Bücher

Sabine Bergk im Roten Salon

gilsbrod„Gilsbrod“ müsste eigentlich „Die Gilsbrod“ heißen. Denn die Gilsbrod ist eine Operndiva wie die Callas oder die Castafiore. Die egomanische Primadonna steht im Zentrum der Bühne, der Stadt, des Universums – und auch im Zentrum dieser Novelle, die eigentlich ein Monolog ist, der Monolog einer Unsichtbaren, einer, die ein gebeugtes Schattendasein am Bühnenrand führt: der Monolog einer Souffleuse.
Die 1975 geborene Sabine Bergk inszenierte an verschiedenen deutschen Stadttheatern und schrieb bislang hauptsächlich Texte für die Bühne, was man ihrem Prosadebüt deutlich anmerkt. Sie arbeitet mit Wiederholungen und sprachlichen Versatzstücken. Die Welt der Souffleuse ist klein und dunkel, die der Diva groß und strahlend. Im entscheidenden Augenblick, in dem der Sängerin die Worte fehlen, verweigert die Souffleuse ihren Dienst. In diesem Augenblick entsteht ein Sprachstrom, ein in Gedankenschleifen geführtes Selbstgespräch. Der Text handelt von traumatischen Erlebnissen in der Kindheit der Erzählerin, von einer Mutter, die ebenfalls Souffleuse war und in einer goldenen Muschel auf der Bühne gesessen hat. Die Muschel hat die Gilsbrod inzwischen entfernen lassen. Nun sitzt die Souffleuse in ihrer dunklen Ecke und schickt ihre Träume wie Schmetterlinge ins Licht. Sabine Bergks Text ist in guten Passagen dicht und poetisch, in schwächeren stilistisch etwas zu sehr an Thomas Bernhard orientiert. Das Rekapitulieren einzelner Passagen langweilt auf Dauer. Wahrscheinlich eignet sich die stark rhythmisierte Rollenprosa mehr zum Vortrag als zum stillen Lesen.

Text: Ralph Gerstenberg

Sabine Bergk: „Gilsbrod“
Dittrich Verlag, 120 Seiten, 14,80 Ђ


Mehr über Cookies erfahren