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Sadie Jones „Kleine Kriege“

ZypernWir sagen es ja oft unseren Kindern. Teilen ist schön. Eine geteilte Wurst schmeckt doppelt so gut, sagen wir dann. Aber ein geteiltes Land? Das schmeckt bitter: nach Gewalt und Neid, Trauer und Wut. Ganz gleich, ob es aus Ost und West besteht wie damals Deutschland oder aus Nord und Süd wie noch heute Irland oder eben Zypern. Die von Griechen und Türken im anhaltenden Konflikt bewohnte Mittelmeerinsel hat die 43-jährige Britin Sadie Jones als Schauplatz für ihren zweiten Roman gewählt. Er ist nicht zuletzt auch als Kommentar zur Rolle des britischen Militärs in Afghanistan zu lesen.
1956 soll der Berufssoldat Henry Treherne mit seiner Truppe die aufständischen Zyprioter in der Kronkolonie in den Griff kriegen. Als ihm Clara Ward mit den einjährigen Zwillingen auf die fremde Insel folgt, denkt sie an Sonne und Meer, nicht an Krieg. Doch die junge Familie erwartet kein Urlaub. Im Eifer der Suche nach militanten EOKA-Aktivisten bringen britische Soldaten, die eigentlich „die Herzen und Köpfe der Menschen gewinnen sollten“, Gräuel und Verbrechen ins Land: Erschießungen, Vergewaltigungen, Verwüstungen. Bald ist der erst ?29 Jahre alte Major in Aktionen verstrickt, die er sich in seinen ärgsten Befürchtungen nicht hätte vorstellen können. Je stärker Treherne bereit ist, Verantwortung für seine Truppe zu übernehmen, umso mehr versagt er als Familienvater.
Bevor die Tochter eines jamaikanischen Lyrikers und einer britischen Schauspielerin 2008 mit dem Roman „Der Außenseiter“ debütierte, hat sich Jones zwischen Mexiko und Frankreich umgesehen und auch diverse profane Jobs erledigt. Dass sie danach 15 Jahre im Drehbuchgeschäft tätig war, verrät jeder Dialog in ihrem grausamen, zärtlichen neuen Roman.
Nur ein Rätsel bleibt: Wieso trägt die verzweifelte Frau auf dem britischen Cover ein gelbes Kleid und bei uns ein rotes?    

Text: Reinhard Helling


TIP-Bewertung: Herausragend

Sadie jones: „Kleine Kriege“  
Schöffling & Co., 447 Seiten, 22,95 Euro

 

 

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