Bücher

Sebastian Fitzek im Gespräch

Foto:H. HenkensiefkenSeit seinem Debüt „Die Therapie“ (2006) veröffentlicht der 40-Jährige regelmäßig und stets auf hohem Niveau. Der neueste Thriller „Abgeschnitten“ stellt zum ersten Mal eine literarische Zusammenarbeit, in diesem Fall mit dem Rechtsmediziner Michael Tsokos, dar.

Herr Fitzek, das Schreiben stellt man sich gemeinhin als sehr einsamen Job vor. Sie haben abgeschnitten mit dem Forensiker Michael Tsokos verfasst. Wie schreibt man ein Buch zu zweit?
Bevor wir die erste Zeile schrieben, haben wir sehr lange über die Geschichte nachgedacht, meist bei gemeinsamen Treffen, wo wir bis spät in die Nacht über den Handlungsstrang und die Figuren diskutierten. Nach einem halben Jahr stand dann ein Exposй von etwa 20 Seiten, und dann habe ich einen ersten Entwurf geschrieben. Dieser Entwurf, in dem viele rechtsmedizinische Details noch ausgespart waren, haben wir uns dann so lange hin- und hergemailt, bis wir so zufrieden waren, dass wir es unseren Lektorinnen zum Lesen gaben. Und dann bekamen wir das Manuskript mit über 300 Anmerkungen zurück, und wir haben wieder unsere Köpfe zusammengesteckt.

Mussten Sie sich an dieses Prozedere erst gewöhnen oder sehen Sie sich ohnehin als Teamplayer?
Ich habe mich Hals über Kopf in dieses Abenteuer gestürzt, ohne über die Risiken einer gemeinsamen Zusammenarbeit nachzudenken. Im Nachhinein betrachtet, hätte das böse ins Auge gehen können, denn hier hätten ja auch zwei starke Egos aufeinanderprallen können. Aber zum Glück liegen wir beide auf einer Wellenlänge. Das erkannte ich übrigens schon bei unserem ersten Treffen, als Michael Tsokos mir in einem Knorkator-T-Shirt die Tür aufmachte, auf dem stand: „Wir werden alle sterben.“

Wir kam es denn zur Zusammenarbeit?
Wir haben uns bei der Talkshow „Fröhlich Lesen“ im MDR kennengelernt und ein Jahr später zufällig bei der „Langen Nacht der Pathologie“ um 1 Uhr morgens an einer Würstchenbude wiedergetroffen (das war das Veranstaltungscatering). Er hielt einen Vortrag, ich las aus dem „Augensammler“. Beim Smalltalk fragte ich ihn, ob er denn neben Sachbüchern auch mal Thriller schreiben wollte, und er sagte, er hätte tatsächlich eine Idee. Und diese Grundidee fand ich so faszinierend, dass wir noch in dieser Nacht ins Brainstorming verfielen.

Das heißt in „Abgeschnitten“ mussten Sie gar nicht auf Ihr anatomisches Wissen zurückgreifen, das Sie im dem Studium der Tiermedizin erwarben?
Ich habe ganze drei Monate am Hund seziert und sogar einige Testate bestanden. Aber außer dem Formalingeruch ist mir da nur wenig in Erinnerung geblieben, weshalb die fachlichen Details in diesem Buch allein auf das Konto von Michael Tsokos gehen.

Wie werden Sie die Lesung am 28. September gestalten?
Da wir bei unserem Buch sehr viel Wert auf eine realitätsnahe Darstellung gelegt haben, werden wir die Gelegenheit nutzen, um mit einigen Mythen aufzuräumen, was die Darstellung der Rechtsmedizin in Büchern und Filmen betrifft – zum Beispiel in „Das Schweigen der Lämmer“ oder im „Tatort“. Wir zeigen schockierende Videos und Fotos, weniger aus dem Sektionssaal als von unserer Zusammenarbeit. Und natürlich werden wir auch aus „Abgeschnitten“ lesen.

Ohne zu viel im Vorfeld zu verraten: „Abgeschnitten“ verhandelt das Thema Kindesentführung und die Frage, ob sich die Exekutive strikt an die Gesetze halten muss. Vor zehn Jahren wurde in Frankfurt tatsächlich ein Kind entführt und die Polizei drohte dem Entführer Folter an, sollte er nicht das Versteck verraten. Ein moralisches Dilemma?
Ganz eindeutig. Und es ist ein Dilemma unseres Rechtssystems. Das ist ja nicht (nur) dazu da, den Einzelnen zu schützen sondern in erster Linie, um stabile Verhältnisse für die Allgemeinheit zu gewährleisten. Beispiel Verjährung: An einem Tag noch kann der Dieb bestraft werden, am nächsten Tag ist er nicht mehr zu belangen. Für den Beklauten ist das höchst ungerecht, für die Allgemeinheit aber notwendig. Würden keine Strafen verjähren, wären die Gerichte noch viel mehr mit anhängigen Klagen überlastet und die Justiz irgendwann überhaupt nicht mehr handlungsfähig. In dem konkreten Einzelfall des Jakob von Metzler habe ich als Familienvater vollstes Verständnis für den Beamten, der dem Entführer Gewalt androhte, um das Leben des Kindes zu retten. Aber was wäre, wenn das die Regel wird? Will ich in einem Staat leben, in dem mir die Polizei mit Gewalt drohen darf, obwohl meine Schuld noch gar nicht bewiesen ist? Dieses Dilemma – Einzelfallgerechtigkeit versus Rechtsstaat – ist in der Tat ein zentrales Thema unseres Buches.

Tsokos_Fitzek_c_FinePicSie sprechen nebenbei noch ein weiteres Problem an: Die Verknüpfung von Sicherheitspolitik und politischen Ämtern. In „Abgeschnitten“ hat der Berliner Innensenator sein Vermögen mit Sicherheitstechnik verdient. Er lebt davon, Ängste zu schüren…
Ja. Ich fühle mich trotzdem in Berlin sicher. Aber vor allem, weil ich in der privilegierten Lage bin, zahlreichen Gefahren aus dem Weg gehen zu können. Ich lebe in einem sicheren Kiez mit intakter Nachbarschaft, kann es mir leisten, spät abends das Auto zu benutzen.

New York versucht dies auf die gesamte Stadt auszuweiten. Die Bewohner erleben die totale Überwachung, eine Vision wie sie Wim Wenders in „Am Ende der Gewalt“ als Dystopie schildert. Wie weit dürfen Grundrechte eingeschränkt werden, um Verbrechen zu verhindern?
Darüber könnte man eine ganze Doktorarbeit schreiben. Mich können Sie überall in der Öffentlichkeit filmen, ich habe nichts zu verbergen, aber vielleicht bin ich da auch grenzenlos naiv. Im Moment allerdings habe ich eher das Gefühl, dass die totale Überwachung weniger ein Problem ist, und der Staat eher die Menschen davor schützen muss, freiwillig viel zu viele und oft intime Informationen über sich preiszugeben.

Es gibt neben der technischen Komponente ja eine viel naheliegendere, um Verbrechen zu verhindern. Sie beschäftigten sich über die Jahre mit der Psychologie von Tätern, was stellt Ihrer Meinung nach die beste Prävention dar?
Eine intakte Familie. Hier nimmt alles seinen Anfang. Das Gute, wie das Böse.

Das Schwarz-Weiß-Schema „Gut vs. Böse“ sparen Sie in ihren Büchern aus. Denken Sie beim Schreiben filmisch? Alle Ihre Romane eignen sich hervorragend als Vorlage für Kino-Adaptionen.

Danke sehr. Leider sehen das die Förderanstalten und TV-Sender noch anders, weshalb wir gezwungen waren meinen Roman „Das Kind“, der am 18.10. in die Kinos kommt, mit Freunden und Bekannten komplett alleine auf die Beine zu stellen. Ich habe tatsächlich genaue Bilder im Kopf, die ich versuche zu Papier zu bringen, aber ich glaube, da unterscheide ich mich nicht von vielen anderen Autoren.

Sie sind noch immer für den Radiosender 104.6 tätig und spielen auch privat Schlagzeug. Welche Musik legen Sie zu Hause gern auf?
Im Moment dominieren „Kommt ein Vogel geflogen“ und „Backe, backe Kuchen“ die Fitzek-Charts, da meine zweijährige Tochter und mein einjähriger Sohn die Befehlsgewalt über den CD-Player haben. Keane, Depeche Mode oder The Script höre ich nur noch, wenn ich alleine im Auto unterwegs bin.

Interview: Ronald Klein

Foto: H. Henkensiefken (oben), Fine Pic


 

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