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Sebastian Guggolz – Verlagsfinanzierung über Fernsehshows

Sebastian Guggolz - Verlagsfinanzierung über Fernsehshows

Die ganze Sendezeit über sieht er aus, als sei er tiefenentspannt, fast heiter. Als ginge es an diesem Samstagabend um so etwas Aufregendes wie einen Platz in der ersten Reihe beim „ZDF-Fernsehgarten“. Doch als es vorbei ist, als die letzte andere Kandidatin bei „Der Quiz-Champion 2015“ rausfliegt, schlägt Sebastian Guggolz die Hände vors Gesicht. Er läuft durch das Studio, umarmt seinen Freund im Publikum, taumelt auf Johannes B. Kerner zu, „Ohgottohgott“, stammelt er immer wieder. „Oh! Mein! Gott!“
Im Goldkonfettiregen, Fernsehbudenzauber eben. Und um 250.000 Euro reicher.
Der  Berliner Kleinverleger Sebastian Guggolz, 33, ist an diesem Septembertag der einzige, der in allen fünf Frageduellen einen so genannten Experten schlägt. Die Sportmoderatorin Katrin Müller-Hohenstein, den Fernsehkoch Tim Mälzer. Oder ganz zum Schluss den Sänger Sasha. Sein Plan ist aufgegangen. Diese schier irrsinnige, zwei Jahre alte Idee, die eher nach einer Schnapsidee klingt. Und zwar mit extra viel Schnaps.
Verlagsfinanzierung über Fernsehshows. „Die Summe ist gespenstisch“, sagt Guggolz in seinem Schöneberger Ladenbüro. Großes Fenster, blaue Rahmen, ein überfüllter Schreibtisch. „Ich habe mir damit Zeit bis zum Erfolg eines meiner Bücher erkauft.“
Als er sich bei der Show vorstellte, sagte er: „Ich werde Quiz-Champion, weil ich als Verleger um keine Antwort verlegen bin.“
Es ist der Sommer 2013, als Sebastian Guggolz nach sechs Jahren bei Matthes & Seitz beschließt, sich selbstständig zu machen. Mit einem Verlag für Bücher, die vergessen sind – von Autoren, die nicht mehr leben. Aus Skandinavien, Osteuropa. Ein Club der toten Dichter. Wie Frans Eemil Sillanpää, ein Finne. 1939 sogar Literaturnobelpreisträger. Seinen 1919-er Roman „Frommes Elend“ verlegt Guggolz im allerersten Verlagsprogramm.
Bis es aber soweit ist, braucht er 50.000 Euro. Rund 15 Geldinstituten schickt er seinen Businessplan. Einige rufen nur zurück, um Bescheid zu geben, dass sich ein Gespräch nicht lohnen würde. Auch seine Bank, wo er sein Konto hat, bedeutet ihm, in die Verlagsbranche investiere sie nichts. Die Hausbank seiner Eltern springt dann ein.
Dabei steht in diesem Businessplan nicht mal, was Sebastian Guggolz als weitere Finanzierungsquelle seines Verlags im Sinn hat: TV-Spielshows. Hat er doch bei Matthes & Seitz jahrelang Bücher lektoriert, zudem bei Zeitschriften Korrektur gelesen, wie beim „Spex“ oder dem „Philosophie Magazin“.  Sage keiner, Lesen würde nicht bilden.
Sebastian Guggolz stammt aus einem 300-Seelen-Dorf in Oberschwaben. Die Eltern sind Pädagogen. Alternative Lebenseinstellung, antiautoritäre Erziehung. Die Mutter hört Tracy Chapman, der Vater Midnight Oil. Sohn Sebastian hört Richard Wagner. Mit klassischer Literatur können die Eltern auch nicht viel anfangen. „Wir hatten viele Bücher, aber  Thomas Mann gab‘s da nicht.“
Die klassische Bildung schafft  sagt Guggolz sich selbst drauf. Außerdem liebt er Sportstatistiken. Das kann bei Quizshows auch nicht schaden. Aber erst mal reinkommen. „Ich bin ja kein organisierter Quizzer„, sagt er. „Ich bin auch in keinem Quizverein.“
Noch bevor er Ende 2013 seinen Guggolz-Verlag gründet, beginnt er, sich bei Casting-Agenturen zu bewerben. Bis zu 20 Anrufe pro Woche. Pro Anruf ein Euro. „Da habe ich bestimmt 100 Euro gelassen.“ Irgendwann rufen sie zurück. Bei „Schlag den Raab“ wird er zum Casting-Wochenende nach Köln eingeladen, mit 150 anderen Bewerbern, inklusive Wissenstest und Zirkeltraining, „da sind einige umgekippt“. Guggolz schafft es auf die Kandidatenliste. Aber Stefan Raabs Produktionsfirma Brainpool ruft nicht zurück. Bei einer anderen ZDF-Show mit Kerner, „1000 – Wer ist die Nummer 1“, scheitert er knapp. Die Show wird übrigens ein Pannen-Spektakel, vielleicht hätte man die Sendung doch nicht im BER-Flughafen aufzeichnen sollen.
Als im Sommer die Zusage zum „Quiz-Champion“ kommt, ist Guggolz‘ Startkapital aufgebraucht, „ich hatte nichts mehr“. Eigentlich aber sollte die Show nur ein Training sein. Sebastian Guggolz‘ großes Ziel heißt „Wer wird Millionär“. Seine Bewerbung läuft noch.
Jetzt weiß er ja ungefähr, wie es geht.

Text: Erik Heier

Foto: Harry Schnitger

Der Verlag im Netz: www.guggolz-verlag.de

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